Ihre Augen blitzten, aber es war keine Ruhe und keine Rast in ihnen. Sie nickte dem Fenster zu und winkte mit der Hand. Kay erschrak, sein Telefon fiel ihm aus der Hand. Es fiel zu Boden, wo es in hundert Millionen, Billionen und noch mehr Stücke zersprang. Der Knabe kletterte sofort vom Stuhle runter und machte sich daran, die Stücke zu sammeln. Doch waren einige kaum so groß wie ein Sandkorn. Das Telefon war tot und fort. Des Kindes Blick richtete sich dann zum Fenster, und das trübe Wetter –  Kay glaubte gar die Schneeflocken auf das Fensterblech laut aufschlagen zu hören – machte sein Verlust noch tiefer spürbar. Denn nun war nichts mehr da! Kays ganze Welt zerbrach und es wurde still um ihn.

 

Tiefe Stille herrscht im Zimmer

Ohne Regung ruht das Netz

Und bekümmert sieht der Knabe

Schwarze Fläche rings umher.

 

Keine Luft von keiner Seite!  

Todesstille fürchterlich!

In der ungeheuren Weite

reget keine Welle sich.

 

Kays Gehirn fror ein. Er war kurz in einem digitalen hypoglykämischen Schock erstarrt: Er wollte sein Vaterunser beten, aber er konnte sich nur des großen Einmaleins entsinnen. Die Schneeflocken draußen wurden größer und größer; zuletzt sahen sie aus, wie große, weiße Hühner. Auf einmal sprangen sie zur Seite, ein großer Schlitten hielt, und die Person, die ihn fuhr, erhob sich. Es war die Dame, hoch und schlank, glänzend weiß, die vorhin ihm zuwinkte: Es war die Internetschneekönigin.

 

„Wozu müssten wir das, was wir sind, was wir wollen und nicht wollen, so laut und mit solchem Eifer sagen?“ – fragte sie mit ihrer Schneestimme. „Sehen wir es kälter, ferner, klüger, höher an, sagen wir es, wie es unter uns gesagt werden darf, so heimlich, dass alle Welt es überhört, dass alle Welt uns überhört? Wozu brauchst du TwitterFacebook, LinkedIn, Spotify, Elo, Whatsapp, Viber? BIST DU ABHÄNGIG?“

In der That, meine geduldigen Freunde, ich will es euch sagen, war Kay abhängig. Genauso wie der Verfasser dieser Zeilen. Denn den Wert eines Menschen kann man daran ermessen, wieviel Einsamkeit zu ertragen er fähig ist. Und viel kann und soll man nicht ertragen. Denn, wissen sie, was mit Kay passierte?Die Internetschneekönigin verschleppte ihn in ihr frostiges Schloss. Des Schlosses Wände waren gebildet aus treibendem Schnee und Fenster und Türen aus den schneidenden Winden. Es waren über hundert Säle darin, alle, wie sie der Schnee zusammenwehte. Der größte erstreckte sich mehrere Meilen weit. Das glänzende Nordlicht beleuchtete sie alle, und wie groß und leer, wie eisig kalt und glänzend waren sie! So wie das real life öfters. Zumindest ziemlich ähnlich. Und Kay konnte niemanden erreichen, nicht mal Gerda las ihre E-Mails (denn wer liest heute noch E-Mails?). Und so einsam irrt Kay noch heut im Schloss herum.

 

„Das grosse Ergebniss der bisherigen Menschheit ist, dass wir nicht mehr beständige Furcht vor wilden Thieren, vor Barbaren, vor Göttern und vor unseren Träumen zu haben brauchen.“ Und eben nicht vor Einsamkeit. Seid süchtig, meine geduldigen Freunde, seid ruhig süchtig.

 

Mit freundlichen Einflüssen von Andersen, Nietzsche und Kant.

 

Drinnen in der großen Stadt 
Text von Zwerg Nase | Kurzprosa:Medienmärchen | Bild von Nina OderDoch

Eines Abends, als Kay zu Hause war, kletterte er auf einen großen Stuhl am Fenster und guckte nach draußen. Einige Schneeflocken fielen auf den Balkon, und eine, die größte, blieb auf dem Rand des einen Blumenkastens liegen. Sie war so wunderschön, dass Kay sie ablichten wollte. Er zückte das Telefon, da wuchs die Schneeflocke mehr und mehr, drehte sich wie wild und wurde zuletzt eine ganze Jungfrau, in feinstem weißen Draht gekleidet, der aus Millionen sternartigen Ziffern zusammengesetzt war. 

abhängigkeit.