zur #wahl

Soziolumne

„Sagen Sie nichts schlechtes von unserer Epoche. Sie ist nicht unglücklicher als die Vergangene. Sagen Sie allerdings auch nichts gutes von ihr.” Während andere auf Godot warten, können wir nicht schweigen. Denn unsere Epoche ist wie ein Berliner Flughafen – unzulänglich, teuer und scheinheilig. An dieser Stelle sei darüber erzählt - immer passend zum kraftausdruck.

 Hier ist Platz für den Ausschrei des Aufschreis für den Aufstand.

Versprochen UND Ehrenwort 
 
Visuelle Interpretation | Gasper Kunsic
Text | Nina OderDoch

 [Verblendung -Betrug - Fehleinschätzung] 

 [Farce - Augenwischerei - Realitätsverlust] 

 [List - Irreführung - Versehen] 

 [Finte - Täuschungsmanöver - Masche] 

 

 [Lüge - Utopie - Luftschloss] 

alle Illustrationen: (c)Gašper Kunšič

Warum schaffen es die banalsten Worthülsen, eine*n Wähler*in für sich einzunehmen? In Vorwahlzeiten (Obacht 2017 ist es wieder so weit – sprich: fast demnächst beginnen wieder die politischen Schmeicheleien) findet sich ein Potpourri an Fälschlichkeiten, die die umgarnten Wähler*innen mit großen staunenden Augen betrachten und ganz im Sinne der Rotkäpp’schen Verhaltenstheorie erst schlucken, um dann dem vermeintlichen Wolf die Wampe aufzuschneiden. Erst wird gefordert, versprochen, geprotzt und wenn die ganze Wahl vorbei ist, wird abgewogen. Da liegt es nahe, den Wahlversprecher*innen einen Vorwurf zu machen.

 

Der Mensch lässt sich gerne täuschen. Eine Täuschungshandlung ist Voraussetzung für den Tatbestand des Betrugs laut §263 StGB. Täuschung meint hier das intellektuelle Einwirken auf das Vorstellungsbild eines anderen. Dies beinhaltet Unterlassen der Aufklärung bis hin zum Vorspiegeln falscher Tatsachen. Damit es strafbar wird, muss sich am Ende ein Vermögensschaden ergeben. Ohne Kläger*innen keine Klage. Ohne Opfer keine Täter*innen?

 

Doch bevor wir uns dazu erheben, anzunehmen, dass alle Hohlversprecher*innen bzw. Beschöniger*innen der Wahrheit gleich Verbrecher*innen sind, gibt es eine zweite Seite der Medaille. Die Theorie des Wunschdenkens.

 

Ein psychischer Vorgang, der dem Erhalt bzw. der Schaffung eines emotional angenehmen Zustands dient. Die Verpackung als wohlgemeinter Inhalt. Wenn Grün drauf steht, muss doch auch Grün drin sein, also eine biologisch angebaute und in Deutschland verkaufte Papaya auch etwas für den grünen Daumen beitragen. Diese Schlussfolgerung ist vielleicht für manchen zu weit getragen. Dennoch: Der Mensch lässt sich gerne täuschen. Dieses Mal mit der Betonung auf gerne. Die einfache Lösung klingt nicht nur gut, sie gibt auch ein gutes Gefühl. Klare, eindeutige Aussagen schaffen Sicherheit, während verknotete Erklärungen und weit ausführende Argumente doch nur verwirren. Die Welt ist schließlich noch die gleiche, wie vor 200 Jahren oder hat jemand etwas anderes gesagt. Wunschdenken lebt von der Trägheit des Denkens und des Zuhörens.

 

Ein Versprechen ist eben ein Versprechen. Und was genau sich der/die Einzelne davon verspricht, das gilt dann als versprochen. Außer der/die Gesagte hat sich versprochen. Ehrenwort.

Gašper Kunšič ist ein Künstler, der zwischen Märchenwelt und Realität existiert. Manchmal rennt er besorgt und verkopft durch das alltägliche Leben, aber ab und an verliert er sich in blendenden Landschaften des Konsumismus und tappt in unsichtbare Fallen der sozialen Netzwerke. Er ist eigentlich ein Zwerg, der mit seiner roten Kappe, falls man ihm denn auf der Straße begegnet, wirkt, als sei er einem seltsamen Märchen entflohen.