Ketchup UND Majo

vom fame enttäuscht 
 
Kurzprosa | Gastbeitrag

zur #wahl

Der Schweiß perlt ihr von der Stirn. Seit zehn Minuten warten die anderen auf ihr Essen. Schnitzel, Bratwurst, Pommes – Jeder ist nur noch vom Hunger zerfressen und möchte sich gern etwas in den Schlund stopfen. Bezahlt ist auch schon. Das kleine Mädchen allerdings hat sich noch nicht einmal in der Schlange angestellt, denn sie hat ein großes Problem. Sie weiß nicht, was sie essen soll. Sie liebt eigentlich Schnitzel. Sie vergöttert gut frittierte Pommes. Und sie könnte sterben für eine ordentliche Bratwurst. Wie soll das kleine Mädchen also etwas essen, ohne auf den Rest zu verzichten? Das Leben ist verdammt hart für sie.

 

Ihr Bauch scheint zu implodieren. Jaja, sie weiß, dass sie sich dringend entscheiden muss, denn es geht schon lange nicht mehr um Genuss, sondern nur noch um das pure Überleben. Es macht für sie auch keinen Sinn, Pro-Kontra-Listen aufzustellen, denn für jedes Mahl gibt es in ihrer Welt immer gleich viele Argumente für und gegen jedes Essen. Am Ende ist das kleine Mädchen immer wieder auf Null.

 

Es wäre für sie schlimm genug, wenn sie die Entscheidung einfach für sich treffen müsste. Erschwerend kommt allerdings hinzu, dass sie auch von den anderen beobachtet wird. Für sie ist es belustigend, für das kleine Mädchen ist es bitterer Ernst. Das mit dem Entscheiden ist ihr noch nie leicht gefallen. Unter Druck kann sie noch schlechter handeln.

 

Egal. Sie spielt innerlich mit sich selbst Schnickschnackschnuck, auch wenn sie weiß, dass das genauso sinnlos ist, wie es klingt. Nach der gefühlt hundertsten Runde ist ihre Wahl gefallen. Mit zitternden Schritten begibt sie sich an den Imbiss. Als der Verkäufer sie fragt, was sie denn wolle, schwillt ihre Brust. Die Entscheidung ist getroffen und wird jetzt artikuliert:

 

Ich hätte gern eine Pommes.

 

Grinsend dreht sie sich um 180 Grad, weil sie die Gesichter der anderen sehen will. Richtig, sie hat ihre Wahl getroffen und alle sollen's wissen. Nicht nur, dass ihr Mahl jetzt zubereitet wird, sondern auch dass das kleine Mädchen diese Entscheidung öffentlich vertreten kann. Seht ihr gewinnendes Lächeln! Sie ist glücklich!

 

Doch dann passiert das Unerwartete. Sie dreht sich wieder zurück zum Imbissverkäufer und will gerade das Geld herüber reichen, dann unterbricht der Mistkerl ihre selbstsichere Handlung und wagt es, ihr eine Frage zu stellen.

 

Mit Ketchup oder Mayo?

 

Dem kleinen Mädchen rutscht das Herz in die Hose. Was soll das? Sie hat sich doch entschieden! Warum können sich die Menschen niemals zufrieden geben mit dem, was sie bekommen? Verzweifelt versucht sie die Frage zu ignorieren und ihm das Geld zu geben. Er scheint sich jedoch strikt zu weigern, die 2,50 entgegen zu nehmen ohne eine Antwort zu bekommen. Erneut steht ihr der Schweiß auf der Stirn. Und dann fällt ihr nur noch eine Lösung für diese verzwickte Situation ein.

 

Sie läuft weg.

vom fame enttäuscht

 

René Goldbach und Martin Tege unterhalten sich online unter folgender Webadresse: https://vomfame.wordpress.com