Echter UND Falscher Hase

von Nina OderDoch 
 
Szenisches Telefonat

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Ein Mobiltelefon klingelt auf einer Kneipentheke. Die Bierlache weicht geschickt der Umrandung des Apparats. Auf dem Display noch die Asche der letzten Zigarette. Abgeschüttet, doch nicht ausgedrückt. Es klingelt weiter.

 

„Ey, du, ... dein Telefon. Hörst du nicht, dein Telefon klingelt? Ey ... Dein Tele... Hallo.“

 

„Petra?“

 

„Ich würde sagen, die schläft.“

 

„Bist du bei ihr Zuhause?“

 

„Entspannt. Nicht doch. Sie liegt hier auf meinem Tresen.“

 

„Du Scheiß-Wichser, lass die Finger von ihr.“

 

„Alter, ich hab nichts gemacht. Die pennt und ich bekomm sie nicht wach.“

 

„Scheiße, ok und wie sieht sie aus?“

 

„Wie bitte?“

 

„Na, ist sie verheult?“

 

„Ach, bist du etwa ihre Freundin?“

 

„Vielleicht.“

 

„Scheiße, du hast ja Nerven. Du bist eine ganz, ganz miese Freundin.“

 

„Bitte, sie hat dir das erzählt?“

 

„Weißte was? Genau, ich werde jetzt auflegen.“

 

„Nein, nein, komm gib mir eine Chance. Lass mich doch einfach mit ihr reden.“

 

„Sie will aber nicht und tatsächlich kann sie auch echt nicht mehr. Vielleicht sollte ich ihr ein Taxi rufen. So zur Sicherheit. Hast du ihre Adresse?“

 

„Du willst sie nach Hause schicken?“

 

„Ja, die ist hinüber, das wird nix mehr.“

 

„Perfekt. Kein Problem. Ich warte da auf sie. Am besten du sagst dem Fahrer einf...“

 

„Moment. Du bleibst, wo du bist. Still gesessen. So weit kommt’s noch.“

 

„Ach komm, sie schläft doch schon, hast du gesagt. ... Ok. Neuer Vorschlag. Ich hol sie ab.“

 

„Das wird ja immer besser. Nein, hab ich gesagt. Sie will dich nicht mehr sehen. Und das zu Recht. Du bist ne ganze falsche Dreizehn. Du wirst sie nicht abholen.“

 

„Wie wäre es, wenn ich dich abhole?“

 

„Wie bitte?“

 

„Siehste, so schnell kann das gehen? Wenn jetzt jemand nur deine Reaktion gehört hätte, so ohne meine Frage und das ganze vorweg, wie hätte deine Freundin das wohl verstanden? ... Falsch, richtig“

 

„Nee, gar nicht. Ich hab nur 'Wie bitte' gefragt.“

 

„Ja, aber in welchem Ton? Meine Dreistigkeit hat dich überfordert. Das war bei mir nicht anders. Ich hab nur 'Wie bitte' gefragt und dann hat Petra schon alles falsch verstanden.“

 

„Du hast ihr Kaninchen gebraten.“

 

„Das mit den Kostümen war nicht meine Idee. Playboy ist ja eher so ein Männerding. Sie stand einfach so im Raum - plötzlich. Das war ziemlich besonders und das wollte Petra sonst auch immer. Lass uns mal was Besonderes ausprobieren. Ihre Worte, ich schwöre. Wie auch immer. Wie sie so da im Raum war mit weißem Stummelschwänzchen, war das einleuchtend und ja, ja jetzt weiß ich es auch. Es war falsch. Ganz falsch. Keine fremden Hasen. Aber es war ein Angebot. Das wollte ich nicht ausschlagen. Schließlich sollte Petra Teil des ganzen Prozedere sein. Sie kam vielleicht nur etwas zu spät dazu.“

 

„Jo, du schwafelst Zeug. Ich kann da nicht viel zu sagen, außer: Das war eklig.“

 

„Ernsthaft?! Du findest das eklig. Das hab ich ja noch nie gehört.“

 

„Na klar. Das ist pervers.“

 

„Was denn genau? Ich mein, das stellen sich doch so einige Männer vor. Da gibt es tausend Pornos zu.“

 

„Wie bitte?“

 

„Ich muss dir doch jetzt nicht erklären, was daran anturnend ist.“

 

„An einem gebratenen Hasen?“

 

„Was meinst du denn immer mit gebraten?“

 

„Na gebraten. Mit abgezogenem Fell, an den Hinterläufen zusammengebunden, mehrere Stunden schmoren lassen.“

 

„Alter, das ist Sadomaso.“

 

„Ich weiß nicht, das scheint mir ganz normaler Fleischbetrieb.“

 

„Fleischbetrieb. Du hast ja echt ein ganz eigenes Jargon.“

 

„Weißte, ist mir auch ehrlich egal. Du hättest ihre Irma nicht essen sollen.“

 

„Hä, ich dachte, sie hieß Grete.“

 

„Grete, Irma, was weiß denn ich. Das geht mich doch gar nichts an. Was ich nur meine, ist, dass es superpervers und bescheuert ist, den Lieblingshasen der eigenen Freundin zum Familiendinner zu braten und aufzutischen und dann auch noch zu meinen, dass das eine super, besondere Überraschung wäre.“

 

„Ich wollte einen Dreier.“

 

„Wie bitte?“

 

„Eine Überraschung für meine Freundin – ich, sie und Grete. Ich wollte sie überraschen mit einem Dreier.“

 

„Drei Frauen?“

 

„Ja.“

 

„Kein Hase?“

 

„Genau. Also kein echter.“

 

„Ok, ok.“

 

„Na dann haben wir das ja geklärt.“

 

„Scheint so. Willst du dann Petra vielleicht doch abholen? Ich glaube, jetzt beginnt langsam die Tiefschlafphase.“

 

Im Hintergrund ist ein leichtes Schnarchen zu vernehmen.

 

„Ich glaub nicht, dass das Petra ist. Wie sieht sie denn aus?“

 

„Blond, kurze Haare, ne Jeans, blaue Augen.“

 

„Das weißt du, obwohl sie schläft?“

 

„Ja, tief und fest.“

 

„Ok, du Charmeur, dann bring die gute Hasenfreundin mal nach Hause. Das ist nicht Petra. Die hat braune Augen.“

 

„Vielleicht sind sie doch auch braun. Ich hab da gar nicht richtig hingeschaut. Komm, hol sie doch ab.“

 

„Haste gleich Feierabend?“

 

„Sozusagen.“

 

„Tut mir leid. Viel Spaß, das ist nicht mein Hase. Tschö.“

 

„Alter ...“

 

Das Niederschmettern des Mobilapparates lässt die schlafende Nicht-Petra kurz zusammenzucken. Doch trotz kurzer Hoffnung, kein Erwachen, nur weiteres leichtes Schnarchen: die Ankündigung der Verstetigung der Tiefschlafphase.