Eiche UND Wurzeln schlagen

Nina OderDoch 
 
Heimatgeschichte

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Der Garten lag in zwei Farben vor ihr. Auf dem Boden, die durch den Regen der vergangenen Tage hinabgefallenen Blätter und in den Kronen das noch verbliebene satte Grün. Janas Blick ruhte auf den Bäumen. Um die alte Eiche wuchsen mehrere Zöglinge. Sie stellte sich vor, wie hoch sie wohl weitere acht Jahre gewachsen sein würden.

 

Statt sich nur nach Bürgerlichkeit zu sehnen, entschloss Jana, Bürgerlichkeit in der Provinz zu finden. Sie zog nach Brandenburg, wo man Traditionen mit einem Hauch von Verdruss noch schätzte. Und tatsächlich lernte Jana beim ersten Erntedankfest ihres neuen Dorflebens den Schmied kennen und bezog alsbald diese Hütte, auch Haus mit weißem Anstrich genannt. Sie gewöhnten sich glücklich.

 

Jeden Tag saß Jana am Fenster zum Garten. An manchen davon stellte sich der Schmied hinter seine Frau und legte die rechte Hand auf ihre Schulter. Er knetete ihren Nacken, als würde er ihrer Anwesenheit Tribut zollen. Sie versuchte sich, der Aufmerksamkeit anzunehmen. Doch nach einigen Sekunden ging der Schmied weiter, während Jana noch weitere Stunden sitzen blieb.

 

Zwischen dem weißen Anstrich des Hauses und der Straße lagen fünfzig Meter Grün. Eine Eiche trennte den Anblick und Jana. Nur selten fuhr ein Auto die Landstraße entlang. Dennoch zu viel für Jana. Sie richtete den Esstisch, das Wohnzimmer, alle Blickrichtungen ihres bürgerlichen Lebens auf den breiten Stamm der deutschen Eiche. Ein Baum, der für Heimat stehen sollte – für ihre Heimat.

 

Gerade an besonders langsamen Tagen setzte sich Jana an das Fenster und beobachtete ein Eichhörnchen, das die Eiche als persönliche Spiel- und Lebenswiese nutzte. Die Autos sah Jana nie wieder. Der Baum bot Schutz. Das Eichhörnchen kletterte bis in die höchsten Spitzen und wankte in den ganz zarten Ästen.

 

Es war wenige Monate nach dem Einzug als es abstürzte. Ohne Vorwarnung konnte sich das Eichhörnchen nicht mehr halten. Jana saß in ihrem Stuhl und starrte auf die Baumkrone. Es gab keinen Moment des Zweifelns, das Tier war in die Tiefe gestürzt. Ohne eine Sekunde zu verlieren, lief Jana. Sie stürzte in den Garten und stand nur in Hausschuhen vor der Baumkrone. Nur noch wenige Blätter hingen an den Ästen. Der Herbst war vorangeschritten. Es hatte viel geregnet und die Blätter auf den Rasen geschüttet. Jana suchte den Boden ab. Doch sie konnte nichts entdecken. Sie musste entweder den wendigen Rettungssprung des Eichhörnchens mit menschlichem Auge verpasst haben oder aber, für Eichhörnchen galt, so hoffte sie, auch die Katzenfalltheorie. Drei Tage musste Jana warten, bis sie das flitzende Rot in den Ästen entdeckte.

 

Mit der Niederkunft der Tochter des Schmieds verbrachte Jana noch mehr ihrer Zeit am Fenster. Erst hochschwanger, dann mit dem Kind auf dem Arm. Kaum später beobachtete sie wieder alleine das Eichhörnchen. Schon bald sollte die Tochter zur Schule. Frühkindliche soziale Integration war hier wichtig und somit das Kind im Kindergarten. Jana störte es kaum. Sie beschloss, die Eiche zu vermehren. So viele Bäume bis sie die Straße von allen Fensterecken des Hauses nicht mehr sehen würde. Der Schmied hatte nichts dagegen.

 

Ihre gemeinsame Tochter wäre jetzt sieben Jahre alt geworden. Langsam begann es zu nieseln.

 

Der Tag der Einschulung galt als ein besonderer. Sie hatte für den Nachmittag ein Fest im Garten ausgerichtet. Kuchen und Kaffee für die Dorfgemeinde. Zwischen den Ästen hatte sie Girlanden gezogen und Lampions aufgehängt. Das kräftige Rot leuchtete in den grünen Zweigen. Noch war Sommer. Doch bald würden die Blätter gelb. Das Eichhörnchen hatte sich der Feierlichkeiten erahnend in eine andere Baumkrone verzogen. Jana hörte den Knall nicht. Sie schob den Kuchenteig in den Ofen. Es war für sie, als wäre nichts gewesen. Sie hatte immer gedacht, als Mutter würde sie in solch einem Moment ein Stich im Herzen fühlen oder ein Licht würde auf sie niederscheinen. Es sollte doch eine besondere Beziehung zwischen Kind und Mutter geben, die es ihr ermöglicht, eben keinen Kuchen in den Ofen zu schieben, sondern ihn doch zumindest fallen zu lassen. Die Banalität der damaligen Situation legt sich auch heute belastend auf ihr Herz. Ein Auto hatte ihre gemeinsame Tochter tot gefahren. Noch vor Jana war der Schmied an der Unfallstelle vor dem Haus. Es gab keine Chance. Keine rettenden Sekunden. Erst die Sirenen ließen Jana aufmerken. Die Eiche hatte Jana lange die Sicht versperrt, bis sie, zur Straße eilend, ihr Kind auf dem Boden liegen sah. Doch das war nicht der entscheidende Schmerz.

 

Während sie sägte, fiel eine Eichel nach der nächsten hinunter. Der Regen wurde stärker. Vielleicht würden die Samen säen, vielleicht würden sie verrotten. Jana war es egal. Es war ihr letzter Tag in diesem Garten. Es war der letzte Tag im Dorf. Sie wollte ihre Spuren verwischen. Der Stamm der Eiche war unnachgiebig, doch sie würde es schaffen. Sie wünschte, sie wäre nie bürgerlich geworden. Sie hätte sich keine Sichten versperrt.

 

Vor acht Jahren entschied sie sich aufs Land zu ziehen. In das kleine Dorf mit dem flachen Horizont in Richtung Osten und den endlichen Wäldern in Richtung Süden.