Wahl macht Angst. Wahl tut weh. Denn Wahl verlangt danach, etwas zu verneinen, sich gegen etwas zu entscheiden. Und das drückt. Erst recht, wenn man gar nicht wählen will, aber vor die Wahl gestellt wird. Einfach so.

 

Da steht man also. Vor der Wahl. Und man hat sie sich ganz anders vorgestellt. Nicht so kompromisslos. Vielleicht konzilianter. Man will freundlich sein: "Hallo, Wahl!" Doch die Wahl ist nicht blöd: "Komm, mach hinne." Zeit ist Geld. Und Wahltag ist Zahltag.

 

Zeit ist der größte natürliche Feind der Wahl. Hat man zu wenig, trifft man die falsche Wahl. Hat man zu viel - dann auch. Ach, wenn man die Wahl nur treffen würde - ganz zufällig des Weges - statt vor sie gestellt zu werden wie ein Blinder vor eine Straßengabelung.

Mit der Pistole auf die Brust gerichtet, heißt es dann: Hände hoch, es wird gewählt! Die Wahl so: „Links oder rechts?“ Und man selbst so: „Ab durch die Mitte!“ Aber das Gewissen: „Ach nee, Mitte is ja nicht...“ Dumm, wer ein Gewissen hat.

 

Die Uhr tickt. Also winden sich die Zauderer unter uns so lange, bis sie nicht nur bei der Wahl, sondern selbst bei der Pistole untendurch sind. Pistolen-Limbo. Fluchtreflex. Rette sich, wer kann oder im Straßenverkehrsordnungs-Jargon gesprochen: Man wünscht sich, die Straßengabelung sei in Wahrheit eine Sackgasse, bei der man legitimerweise den Rückwärts- gang betätigen kann, ja sogar muss.

 

Wer die Wahl hat, hat bekanntermaßen die Qual. Aber keine Wahl ist auch keine Lösung. Oder etwa doch? Pistole hin oder her, nehmen wir die Hände einfach wieder runter, greifen nach den beiden Enden der Straßengabelung - eines links, das andere rechts - und machen einen Knoten hinein. Ende Gelände. Sackbahnhof. This train terminates here, all change please.

Nehmen wir die Wahl einfach nicht an. Sollen sich andere statt unser verwählen.

Kein Anschluss unter diesem Kummer.

 

 

Wahl- UND Zahltag

Editorial 
 
von
À propos de Nice
 
 

zur #wahl

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