Hilda hatte es befohlen – Besorg’s mir! Gesagt, getan. Susi wusste, wie es ging. Ihr Vater hatte es ihr beigebracht. Sie war Profi und wollte auch so behandelt werden.

Edgar brachte es nie zu Weihnachten. Nur ein einziges Mal bettelte Irma. Die Nachbarn machten es doch auch immer. Jedes Jahr setzten sie ihnen den Braten vor. Und dann schmeckte der auch noch gut.

Susi öffnete die Tür. Heute würde besonders viel Schnee fallen. Das hatte sie nicht so gerne. Spuren zu hinterlassen war nicht Susis Ding. Doch nützte ja nix. Die Sitze vom Jeep waren frostig. Es zwiebelte auf der Haut. Selbst am Po. Durch die Hose hindurch.

Edgar ließ die Gardine wieder zurückfallen. Wie oft hatte Irma schon gesagt, er wäre kein ganzer Mann. Und jetzt fuhr die Lesbe schon wieder in den Wald. In Edgars Hose pochte es gewaltig. Er griff sich das Jagdgewehr seines Großvaters. Er stieg in den hellgrünen Twingo. Tür zu. Edgar los.

Mit der linken Hand fegte sie den überschüssigen Tabak aus dem Schoß. Vor drei Jahren hatte Susi angefangen, sich das einhändige Zigarettendrehen beizubringen. Seit zwei Monaten beherrschte sie es einwandfrei. Filter angeleckt und reingelegt. Vorsichtig hin und her gerollt und abgeschleckt und zugeklebt. Genau einen Fingerspaltbreit öffnete sie das Fenster und ließ es qualmen.

Edgar konnte es von hinten sehen. Die Alte rauchte schon wieder. Vor zwei Jahren hatte Susi schon einmal die Tabakwaren in den Beifahrerraum fallen lassen. Bei der blinden Fahrt auf der Suche nach dem schwarzen Gold hätte sie beinahe Edgar erwischt. Es lagen damals fünf Zentimeter Schnee. Edgar war am Straßenrand liegen geblieben. Erfolglos hatte er zehn Minuten auf der Straße um Hilfe gewunken. Beinahe hätte Susis Jeep ihn mitgenommen – auf die unfreundliche Tour. Als er sich wieder aufgerafft hatte, nach kurzzeitigem Herzstillstand, hatte er von weitem nur eines gesehen: Fenster auf, Qualm raus.

Für Dezember war es erstaunlich kalt im Forst Weißgenau. Alle warteten noch auf den ersten Schnee. Dann musste Susi wieder Zuhause einheizen, Wild erlegen, Holz hacken. Hätte sie sich auch äußerlich genderkonform angepasst, würden Susi und Hilda wohl besser in der Gemeinde ankommen. Doch Susi mochte sich auch so als Geschlecht Frau. Was soll’s. Es würde eine Zeit kommen, in der es nur noch Witze über die Zeit, in der es noch „typisch Frau, typisch Mann“ hieß, gemacht werden. Susi lachte hell auf bei dem absurden Gedanken.

Edgar war Susi nicht hinterhergefahren. Sollte die doch ihr eigenes Revier absuchen. Irgendwo hier links musste er sein, der alte Forst seines Großvaters. Das war doch auch Familienrecht, hier zu jagen. Zur Sicherheit versteckte er den nur auf Buntpapier tarnfarbenen Twingo hinter den Hünengräbern Weißgenau. Als er die Tür öffnete, zirkulierte die kalte Luft einmal durch den kleinen Innenraum. Edgar hatte seine Jacke vergessen. Mit einem kurzen Grunzer unterdrückte er das Klappern seiner Zähne. Im Kofferraum fand er den Poncho seiner Frau. Die fliederfarbene Strickoptik entsprach doch dem Jägergedanken, ermutigte sich Edgar und warf sich das Wollteil über.

Susi zog sich die Tschapka  tief ins Gesicht. Gleich würde es schneien. Das spürte sie. Ihre Oberlippe kräuselte sich dann immer ein bisschen und sie musste dringend auf Toilette. Zum Glück war die Natur geduldig. Erleichtert stieg sie ihren Hochstand empor und legte sich auf die Lauer. Da fiel schon die erste Schneeflocke direkt auf den Lauf ihres Gewehrs. Wie romantisch, dachte Susi. Hilda wollte nie mit in den Wald kommen. Da laufe doch nur Freiwild rum. Dabei schmeckte Susi Wild gar nicht. Meistens lag sie mit dem Fotoapparat auf der Lauer. Dann erklärte sie Hilda reumütig, dass heute einfach nichts vorbeigekommen wäre. Inzwischen hortete sie schon – eine Acht-GB-Festplatte mit Fotos von niedlichen Hirschen, Rehen, Kitzen, Füchsen, Wieseln, Eichhörnchen, Eichelhähern und der Wildschweinfamilie, die sie Jahr um Jahr ausknipste. Susi wurde es schon ganz schwer ums Herz, als sie plötzlich ein Knacken hörte. Sie zog ihre Augen zusammen und suchte das Gelände ab. Außer einer leichten Schneeschicht war nichts zu sehen. Dafür wurde ein Fluchen laut. Der Hochstand bebte. Es ruckelte und ein schweres Atmen war zu hören. Susi blickte fassungslos ans untere Ende der Leiter. Edgar versuchte - bisher erfolglos - die Leiter zu betreten. Immer wieder rutschte er von der unteren Sprosse. Noch dazu verhedderte er sich jedes Mal wieder in seinem Poncho. Räusper - Susi machte sich bemerkbar.

„Was soll der Scheiß denn?“

Edgar schaute ertappt hoch. Verdammt. Hätte er beim letzten nachbarlichen Plausch besser zugehört oder auch das Hünengrabdenkmalschild gelesen, wüsste er, dass Susis Revier Weißgenau ist.

„Ja, was ein Zufall, Frau Nachbarin.“

Frau, genau. Edgar verschnaufte kurz unten an der Leiter. Am Ende der Lichtung meinte Edgar eine Tierbewegung erkannt zu haben. Nun aber schnell.

„Mal ganz langsam, Meister! Sie wollen ja wohl nicht hier hoch?!“

Hat er nicht wirklich vor, dieser Wicht. Susi wurde hochrot. Dieser Arsch von nebenan. Wahrscheinlich hatte sein piefiges Hausmütterchen ihn rausgeschickt. Das konnten sie den Lesben nicht gönnen. Den besten Braten des Dorfes. Dabei haben sie Edgar und Irma immer eingeladen. Natürlich nur weil ihre Hilda es so wollte. Was hätte Susi schon von den Habichts gehabt. Edgar und Irma Habicht waren die erbärmlichsten Menschen, die sie kannte. Wie sie da erfolglos in ihrem Reihenhaus abhockten. Wie sie Alles verurteilten, was sie nicht kannten. Und trotzdem schlugen sie keine Einladung von Hilda aus. Gierig, gierig.

Edgar hatte gerade die Mitte der Leiter errungen, da stieß Susi sie einfach um. Wie ein zu groß geratener, fliederfarbener Käfer schimpfte Edgar jetzt in den ersten Schneeflecken. Die Tierbewegung im Wald hatte sich längst davon gemacht.

„Scheiße, das wollt ich nicht.“ Wie zu oft war Susi in Gedanken rasend geworden und hatte ihre Arme nicht unter Kontrolle.

„Kommen Sie schon hoch.“

Doch Edgar war schon wieder aufgestanden. Der letzte Gedanke war der, zu Susi hochzukriechen. So weit sollte es nicht kommen. Nie sollte es soweit kommen. Edgar war doch ein geduldiger Kerl. Er mochte gerne Ente zu Weihnachten. Wer kaufte die denn nicht im Kühlregal? Wildschwein! Wild ist vollkommen überbewertet. Edgar hörte Susis Rufe von oben kaum. Was soll er denn hier? Er gehörte hier nicht her. Irma gehörte eigentlich auch nicht zu ihm. Frauen, die Flieder mögen, konnte er noch nie leiden. Er hasste ihr Haus. Er hasste den Twingo. Er hasste Wild. Edgar bemerkte nicht, dass er inzwischen laut mit sich sprach. Immer weiter ging er auf die Lichtung. Susi versuchte hilflos auf sich aufmerksam zu machen.

„Habicht, jetzt komm mal wieder klar.“

Doch Edgar kam schon lange nicht mehr klar. Zu sehr hasste er das Leben. Mitten auf der Lichtung lud er sein Gewehr und setzte es sich an die Kehle. Der hat doch zu viel in die Röhre geschaut, dachte Susi noch, als sie ihrerseits ihre Waffe anlegte und auf Edgar zielte. Sie war festentschlossen, ihm das Gewehr von der Kehle zu schießen. Sie war die Beste ihres Schützenvereins und Edgar hatte sich so schön im Profil für sie aufgebaut. Und überhaupt – was hatte sie für eine Wahl. Ohne ihn kam sie nicht vom Hochstand runter. Und eigentlich hatte es auch niemand verdient, in Weißgenau auf diese Art zu sterben. Außer es sei ein Wildschwein. Doch Edgar wusste nicht aus noch ein. Sein Ende sollte es sein. Er schoss. Sie traf. Doch anders als gedacht. Edgar, schon im Inbegriff sein Leben doch wieder anzunehmen, hörte sie nicht trampeln. Die Wildschweinfamilie - noch vollzählig - rannte ihn um. Sein Schuss löste sich, im gleichen Augenblick in dem Susis Befreiungsschuss ihn traf, traf der seine Susi. Der wütende Schweinbraten hatte sie beide erledigt. Sichtlich stolz, die Feinde als Familie überwältig zu haben, trotteten die Wildschweine davon. Im Wald Weißgenau blieben friedlich zurück die tote Susi auf dem Hochstand und der tote Edgar im Schnee. Da bestätigte sich wieder, was Hilda schon immer meinte. Für Wildschweine gibt es keine Schonzeit.

 

Treffen sich zwei Jäger. Beide tot. 
Text & Bild von Nina OderDoch | Kurzprosa

abhängigkeit.