Mein letzter langer Sommer in Russland liegt nun zwei Jahre zurück. Es war jener Sommer, in dem sich alles um Pussy Riot drehte. Und es war der Sommer, nach dem sich mein Verhältnis zu Russland grundlegend wandelte. Mein letzter russischer Sommer war vom Schreiben geprägt und dieser Text machte den Anfang:

 

Bin in Russland angekommen. Und sehe die vertrauten Birken. Nicht umsonst habe ich in meiner Küche Levitans "Goldener Herbst" hängen, denke ich mir. Die Birken erinnern mich immer daran, was ich an Russland liebe, denn ich vergesse es manchmal oder es geht unter in der Wut über Entwicklungen in der Politik. Jetzt kann ich die Birken wirklich rauschen hören, wie sie ihr russisches Lied summen, was mich in einen Zustand der Geborgenheit versetzt. Die Birken erinnern mich an meine Kindheit, die vielen Waldspaziergänge, das Pilze suchen. Ich kann förmlich das Rauschen in den unendlichen russischen Wäldern hören (wobei ich den Wald als Kind auch immer als etwas Bedrohliches empfand. Ich hatte Angst vom Wolf gefressen oder von einem Verrückten ermordet und verscharrt zu werden. An letzterer Angst hat wohl eher das russische Fernsehen mit seinen vielen Berichten über Kriminalität Schuld). Die Birken erinnern mich auch an die Abende in der russischen Banja. Dort schlägt man sich gegenseitig mit eingeweichten Birkenzweigen. Und nach reichlichem Schwitzen begießt man sich zum Abschluss mit dem wohlig duftenden Wasser, in welchem die Birken eingeweicht wurden - der Mensch als Birke.

Heute gab es sogar eine Fernsehwerbung für ein neues Schampoo mit Birkenextrakten. Wahrlich, die Birke ist ein russischer Baum. Der Deutsche hat seine Eiche. Vielleicht sollte man in Deutschland ein neues Schauma mit Eichenextrakten auf den Markt bringen... „Der Russe ist einer, der Birken liebt“ titelt Olga Grjasnowa ihren Roman. Damit wäre das Russische in mir wohl bewiesen...

 

In diesen nahezu verjährten Worten findet sich bereits eine Andeutung darauf, dass sich in der Beziehung zwischen Russland und mir ein Zwiespalt auftut oder besser geschrieben: der Zwiespalt wächst; denn zu Russland hatte ich immer schon ein liebevoll-angestrengtes Verhältnis. Je mehr Jahre aber ins Land gehen, je weiter die scheinbar sorglosen Kindertage zurückliegen, desto mehr erlischt meine Liebe zu diesem Land, in dem ich jeden Kindheitssommer verbrachte. Doch welche Ansprüche haben wir als Kinder?Wir wollen Spaß und wenig Hausaufgaben. Aber wir wollen auch frei sein. Wir wollen nicht bevormundet werden von den Erwachsenen. Wir wollen unser eigenes Ding durchziehen.Das Interessante ist, dass sich das im Verlauf des Lebens nicht ändert. Sind wir selbst erwachsen, so wollen wir unabhängig sein von anderen, wollen nicht bevormundet werden und unser eigenes Ding durchziehen. Wir wollen frei sein. Was unterscheidet also die Kindheit vom Erwachsenendasein? Als Kinder haben wir noch eine beschränkte Sicht auf Freiheit. Es geht darum, länger aufzubleiben, keine Verbote bei Süßigkeiten zu erfahren, mit Freunden Blödsinn zu machen und nicht teilzuhaben an der ach so langweiligen Erwachsenenwelt. Als Erwachsene lernen wir, dass Freiheit noch viel mehr ist als der kindliche Kampf um Selbstbestimmung. Auf einmal sind wir selbst Teil dieser Erwachsenenwelt. Wir dürfen zu Wahlen gehen und entscheiden, wie die Gesellschaft aussehen soll, wie wir die Zukunft gestalten, in welcher Welt womöglich unsere eigenen Kinder aufwachsen werden, die mit uns um ihre Emanzipation kämpfen.

Ja, meine Kindheitserinnerungen an Russland sind schön. Meine Großeltern schränkten mich nicht ein. Ich durfte lange aufbleiben, so viel Eis am Tag essen, wie ich wollte, mit meinen Freunden im Dorf umher tollen. Meine einzige Sorge galt damals meinem Großvater, der zu viel trank und meiner Großmutter, die die Auswüchse seiner Trunksucht abbekam. Doch ich fühlte mich frei und weinte immer sehr, wenn ich zurück nach Hause musste. Meine Erinnerungen sind immer noch beseelt von Lagerfeuernächten mit Freunden und jenen Tagen, an denen der Regen laut auf das Dach des Datscha-Hauses niederprasselte und ich drinnen am Kamin saß, meine Großmutter am Schreibtisch schrieb und ich mich so unglaublich geborgen fühlte.

Das Datscha-Haus wurde vor ein paar Jahren verkauft und ich bin auch nicht mehr so oft in Russland. Ich liebe immer noch ausgelassene Abende am Feuer und koche russisches Essen und aus Kindheitstagen ist mir sogar eine gute Freundin geblieben, mit der ich regelmäßigen Kontakt pflege. Ich bin aber erwachsen geworden. Ich habe jetzt andere Ansprüche an Freiheit. Denn ich darf jetzt sowieso so lange aufbleiben, wie ich will. Und niemand kontrolliert, wie viele Süßigkeiten ich esse. Auf meinen Konsum achte ich schon selbst, allein um der Figur Willen. Meine Ansprüche an die Freiheit sind gestiegen. Ich will nun auch frei sein in der Wahl meines Partners. Ich will lieben, wen ich lieben will, solange dies ein erwachsener Mensch ist. Ich möchte mich in der Öffentlichkeit küssen dürfen, ohne angefeindet zu werden. Ich möchte kein Mensch zweiter Klasse sein oder ein Mensch, der aufgrund seiner Sexualität charakterisiert wird. Ich möchte frei sein von heteronormativen Zwängen, weil ich glaube, dass die Welt nicht an der Legalisierung der Homo-Ehe zu Grunde geht, sondern an Gier, verfehlter Sozialpolitik, religiösem und politischem Extremismus, an diplomatischen Schwanzvergleichen.Russland wird immer ein Teil von mir bleiben. Aber ich werde immer weniger ein Teil von Russland. Denn die russische Politik arbeitet daran, meine persönliche Freiheit zu beschränken. Die eigene persönliche Freiheit sollte der persönlichen Freiheit anderer nicht schaden. Das ist leichter geschrieben, als getan. Zwischen allen persönlichen Freiheiten herrscht ein feines, schnell aus dem Lot gebrachtes Gleichgewicht. Ich bin aber der Überzeugung, dass ich mit meiner Liebe keinem anderen Menschen schade. Meine Lebensweise widerspricht womöglich gewissen Ideologien, aber ich schade damit niemandem körperlich noch seelisch. Russlands Politik schadet mir. Sie schürt Hass gegen Menschen, die wie ich, anders lieben. Anders nur im Sinne der sexuellen Orientierung.

Mein Großvater warf mir einmal vor, ich wäre von westlicher Propaganda verseucht. Wir stritten über den Fall „Pussy Riot“. Sein Vorwurf traf mich, denn ich war immer jemand gewesen, der Russland verteidigte, wenn pauschal kritisiert wurde. Ich bin niemand, der fordert, alle Länder müssten „westliche Standards“ übernehmen. Aber Menschenrechte sollten keine Ansichtssache sein. Sie sind allgemeingültig. Und ich weiß auch, Russland braucht Zeit. Es ist nicht so, dass ich meinem Geburtsland diese Zeit nicht geben will. Aber eine Politik, die eine freie Diskussion über Freiheit, Liebe und Demokratie aktiv unterdrückt, entmündigt die Bürgerinnen und Bürger und erstickt den Diskurs im Keim. Politik braucht Diskurs. Das Schlimme in Russland ist die Kombination aus medialer Propaganda und der gleichzeitigen Unterbindung eines offenen Meinungsaustausches. Politik verkommt zu Dogma.Das Kind in mir wird Russland immer lieben, das erwachsene Ich wird für ein anderes Russland einstehen. Für ein Russland, dass nicht nur aufgrund seiner schönen Birkenwälder liebenswert ist, sondern auch weil es den Menschen ein Recht auf persönliche Entfaltung zugesteht. Das macht ein Land lebenswert. Und vielleicht finden Russland und ich auch eines Tages wieder mehr zusammen - dafür müsste Wladimir Putin aber das Zepter niederlegen und sich in einer Datsche am Rande eines Birkenwaldes zu Ruhe setzen.

 

 

 

Der Russe ist einer, der keine Homos mag 
von Kolja Koch | Fotos: F. L'Air & Semi j. Kolon
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ausdruck:soziolumne.

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