Risiko Toilette

  Ein Zwiegespräch 
 
von
OderDoch
 
 

PRO

 

Es ist an der Zeit: Ich fordere Empörung und die Bekennung der wahren VerschmutzerInnen. Wer hat wirklich Angst vor öffentlichen Toiletten? Das Hinsetzen ist zum Problem geworden – nicht ganz neu. Eine Pinkelbewegung vom Randspritzen bis zur Verstopfung.

 

In einem ist man sich bei Diskussionen sicher, der sanitäre Frauenbereich ist im Gegensatz zum Männerbereich immer der größere Saustall. Verwahrlost. Die Mär ist kein Mär, sondern eine fäkale Entsorgungsvorhölle.

 

Papier am Boden, Wasser entlang der Waschbecken, die Abflüsse verstopft durch Handtücher und die Klobrille, zuweilen auch der Boden, rundum bepisst. Umso sauberer sich die Ladys selbst im Spiegel zulächeln, desto schlimmer sieht meist das Desaster hinter der Tür aus. Um den Astral-Arsch möglichst weit aus der vermeintlichen Gefahrenzonen zu bringen, reicht das leichte Hinhocken wohl nicht mehr aus. Die schlanktrainierten Oberschenkel werden in die senkrechte weggestreckt. Denn sie beherrschen es wohl doch: Das Pinkeln im Stehen. Da mit der Rückseite die Klobrille schwer einsehbar ist, trifft der Strahl leider selten das dafür vorgesehene Becken. Aus Hygienegründen wird nichts bereinigt. Danke dafür.

 

Die Steigerung der Stehpinklerinnen sind die Papierverlegerinnen. Denn für die nächste Bakteriensicherheitsstufe wird alles als gefährlich eingestufte nur mit Papierhandtüchern berührt und belegt. Kein Wunder, dass ständig das Toilettenpapier alle ist. Durch Erfahrung klug geworden verlasse ich das Haus nicht mehr ohne eine - in langen Nächten auch zwei - Packungen Taschentücher.

 

Wenn die Toilette in Christo-Manier fertiggestaltet ist, reicht das vielen trotzdem nicht an Sicherheit. Das besagte Stehpinkeln folgt. Bei einer unbedachten Bewegung – was weiß ich, das Handy fällt beim Sexting beinahe auf den kontaminierten Boden und man will es auffangen – wird das Kunstwerk zum Sturz gebracht. Die Papierkonstruktion droht zu Boden zu fallen, von dem Umstand abgelenkt, wird daneben gepinkelt. Anschließend wird das Papier, das noch übrig blieb, in die Schüssel geschoben, bis auf die Reste, die angepinkelt an der Brille kleben bleiben.

 

Und dann weil das alles wohl schon schlimm war, wird die Spültaste nur mit dem kleinen Finger angetippt. Welche Spülung hätte bei dieser Aufgabe eine Chance? Wenn sich dann die Tür vor mir öffnet, sehe ich vor mir den Zellloseklumpen auf dem Boden gerahmt von einigen Pissespritzer, ein Papierbündel im Klo selbst und die trotzdem halb angepisste Brille. Ich fühle mich geehrt, die Nächste sein zu dürfen.

 

Ich, die eine trockene Brille bevorzugt, weil ich mich seit 30 Jahren unbeschadet hinsetze. Keine Parasiten, keine Hämorrhoiden, kleine Flechten, keine Hemmungen. Und natürlich bin ich nicht unbeschadet davon gekommen. Im Halbdunkeln in der Toilette ist die Gefahr auch besonders groß, sich dann doch 'mal in fremdes Urin zu setzen. Sie sah trocken aus, sie roch trocken, aber sie war es nicht! Ist mir außer Ekel etwas passiert? Nein. Ich hab alles trockengewischt und die Brille gleich mit. Nur damit vielleicht meine Nachgängerin mehr Mut aufbringt und sich traut hinzusetzen.

 

Um es klarzustellen, ich steh auch nicht auf Urin. Es gibt Clubs, da pinkle auch ich im Hocken. Ich stehe nicht auf Golden Shower, aber eben auch nicht auf einen See im WC-Bereich. Ich bin für starke Oberschenkel, wenn sie denn zielgerichtet Pinkeln. Ich habe ökologisches Mitleid hinsichtlich der Papierverschwendung. Ich verstehe nicht, wie soviel Aufwand zum Verlegen des Papiers aufgebracht wird, aber das Desinfektionstuch in der Handtasche fehlt. Es wird so viel dafür getan, diese Toilette zu beschmutzen, die man vorher schon als unrein abtut. Dabei kann das Klo per se nichts dafür. Wohl aber alle Hintern, die sich vor Scham richtig daneben setzen.

 

Mädels, bitte seid nicht schüchtern, setzt euch hin oder wenn das echt gar nicht geht, besorgt euch eine Urinella, trainierte das Pinkeln durch den Trichter und seid verdammt noch 'mal nicht falsch beschämt!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Nina OderDoch

CON

 

Man stelle sich eine wilde Partynacht vor. In düsteren Kneipen trinkt man im Schein des schummrigen Kerzenlichtes Unmengen von Bier, Sekt und Wein. Man verwickelt sich gegenseitig in fesselnde Gespräche, sieht sich tief in die Augen aber dann ... muss man auf’s Klo.

 

Dort geht das ja dann noch. Mit den Menschen in der Bar fühlt man sich irgendwie vertraut, weil man zumindest die gleichen Getränke konsumiert. Die sehen vielleicht auch alle ganz nett und irgendwie doch ganz vernünftig aus. Vor diesen Toiletten ekelt man sich ja gar nicht. So sehr. Die sind ja auch einigermaßen sauber. Manche sogar sauberer als die eigene Toilette. Auf diese Toiletten setzt man sich fast gerne.

 

Die Nacht geht weiter und wie bei einem selbst, steigt bei den anderen Menschen in der Umgebung auch der Berauschtheitsgrad. Man wechselt die Location und beschließt in einen dieser hippen, abgeranzten Tanzschuppen zu gehen. Es ist wild und feucht und fröhlich und man tanzt und küsst, sieht sich tief in die Augen und ... muss irgendwann auf‘s Klo.

 

Tja und dann ... dann steht man da, zieht sich erst die Hose und dann die Unterhose herunter und ist leider noch nicht so betrunken, als dass man die Angst vor Bakterien und Keimen einfach vergessen könnte. Natürlich möchte man sich gerne hinsetzen, denn die schlanktrainierten Oberschenkel sind sehr müde vom heutigen Pumpkurs im Fitnessstudio, doch man kann nicht. Man kann einfach ums Verrecken nicht, weil man sich die vielen Frauen und ihre Intimzonen vorstellt, die sich vor einem an dieser Klobrille gerieben haben. Auf eine verdreckte und vollgepinkelte Klobrille setzt man sich schon von vornherein nicht. Aber sie selbst säubern? Warum sollte man selbst das tun? „Ich habe sie ja nicht verursacht, diese Schweinerei!“, denkt man sich entrüstet. Und es würde ja auch gar nichts bringen. Denn auch eine augenscheinlich saubere Klobrille birgt ihre Tücken. Wie wir ja alle wissen: Nur weil man etwas nicht sehen kann, bedeutet das keinesfalls, dass es nicht da ist. Und da kann man auch nicht so tun, als wäre das so, denn es geht hier immerhin um den eigenen Arsch, die eigene Vagina und die Oberschenkel.

 

Mit Sicherheit ist es nicht erstrebenswert eine Toilette, die rundum sauber zu sein scheint, durch penetrantes Nicht-Hinhocken zu verschmutzen. Ist da jedoch die winzigste Winzigkeit eines Fleckes zu sehen, so möchte ich nicht diejenige sein, die munter drauflos putzt und sich die Hände schmutzig macht. Das Schlimmste ist wohl, diese Person, diesen Schmutzfink nicht zu kennen. Da wird dann die Fantasie angekurbelt und man stellt sich Undenkbares vor. Jeder weiß, dass es sie gibt und jeder hat schon 'mal Welche gesehen: die widerlichen Menschen unseres Planeten.

 

Jaja klar, das klingt hart aber kommt mir bitte nicht mit: „Das ist doch alles nur Pisse!“ Wer weiß das schon? Die eigene Vorstellungskraft steht einem im Weg. Pilzkulturen, die einem aus der Schüssel entgegen grinsen. Schuppenflechtenerreger, Scheidenflüssigkeit, BLUT – denn wie jeder weiß, hat frau einmal monatlich ihre Tage. Und ja es ist nur Blut! Aber es ist fremdes Blut, das alt ist und stinkt. Ich würde mich ja auch nicht an einer Häuserwand reiben, an der jemand vor zwei Tagen erschossen wurde. Das macht keinen Sinn. Wir sind hier nicht bei „Feuchtgebiete“. Auch wenn dieses Buch für manche eine Offenbarung war. Für mich nicht. Ich habe mich geekelt. Ich habe mich nach den ersten fünf Seiten derartig schlimm geekelt, dass ich seitdem keine Avocados mehr essen kann. Aber es würde mir nie im Traum einfallen, diese Menschen zu verurteilen. Wenn sie den Akt des Hinsetzens auf öffentlichen Toiletten als Befreiung empfinden, dann bitte. Niemand steht euch im Weg! Bitte setzt euch! Bitte wischt vorher über die Klobrille! Und wenn ihr dann noch Lust habt, wischt doch einmal durch den kompletten WC-Bereich.

 

Ich finde, dass man sich da auch gar nicht verteidigen muss. Ich will einfach nicht und ich mag nicht. Ja, vielleicht kann ich auch nicht. Ich möchte mich eben nicht hinsetzen. Na und? Dann setzt sich eben niemand. Die Menschen, die dagegen wettern, die sind doch einfach nur zu faul um sich hinzuhocken. Das tut nämlich weh und ist anstrengend.

 

Das einzige Argument, das womöglich zieht, sind die Putzfrauen. Ja, natürlich tun einem die Putzfrauen leid, wenn man sich vorstellt, wie sie am Ende der Nacht den Dreck und das mit schmierigen, undefinierbare Substanzen festgeklebte Klopapier vom Boden kratzen. Da sind wir uns einig. Die können wirklich nichts dafür und da gibt es auch keinen Raum für Diskussionen. Vielleicht ... Also gut. Wegen der Putzfrauen Leute. Lasst es uns probieren. Überwinden wir unsere eigenen Ängste und stellen uns den Bakterien Auge um Auge entgegen. Es gibt ja Ärzte. Die können uns helfen, wenn es ganz schlimm wird.

 

 

 Anna OderDoch