System Überwachung

  Eine Soziolumne 
 
Text: Kolja Koch
Fotoarbeiten: Alexander Naumann
Gespräche: Nina Rathke
 
 
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Nora schläft. Lass sie mal schlafen.

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Die ist so heiß. Meine ganze rechte Schulter tut weh. ... Natürlich kann die dafür. Ich kann nicht so frei sprechen, bin in der U-Bahn und weißte, hier könnte potentielles Futter sein. Das kommt dann nicht so gut bei der Neuen.

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Wenn sie ihn antanzt, is mir egal. Ich bin angepisst, wenn die ihm Nacktbilder schickt.

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Wir haben ein neues Ausstellungsprojekt. - Hab ich gehört. - Zum Thema „Was ich in meinem Leben mitnehmen würde?“ - Hab ich nem Bekannten erzählt und der meinte, dass könnte ja geklaut werden.

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Du hast so kleine Augen. Bist du müde? - Nee, ich glaub, ich hab einfach kleine Augen.

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Es sind nicht die Schönen, die Einen glücklich machen.

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Geht das immer so? - Normal nich.

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Das ist der Typ mit dem Geld? Sorry, dass ich dich verurteile, das tue ich ja nich, aber ich mein, der Eine gibt dir Geld. Ich mein, du kannst machen, was du willst. Und dann hast du den Anderen, an dem dein Herz ein bisschen hängt. - Du bist auch nicht neutral. - Das versteh ich doch. Das ist ja auch keine Lappalie. Ich halt mich da ja auch raus. Dann sag ich das ja zu dir. So gut kenn ich dich ja nicht. - Ich find es ja auch bescheuert.

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Was mich über nervt ist der Trashtalk.

 

I'VE BEEN LOOKING FOR FREEDOM von Kolja Koch

 

 

Innenpolitiker/-innen scheinen alle aus dem gleichen Holz des Arbor anxius geschnitzt worden zu sein. Sie wittern die Angst, schüren sie und versprechen, im Besitz der Mittel für eine angst- und risikofreie Gesellschaft zu sein. Eins dieser Mittel ist der wiederkehrende Vorschlag für mehr Überwachung. Ganz populär ist dabei die Forderung nach mehr Videoüberwachung.

 

Alexander Naumann hat in seiner Abschlussarbeit im Fachbereich Industriedesign die ästhetische Seite von Überwachung untersucht. Nicht nur ist seine Arbeit ein Überblick über die Geschichte der Überwachung geworden; das am Ende entwickelte Produkt, die Anti-Überwachungsbrille SHEELDS, schützt uns u.a. auch gegen die neugierigen Blicke jener uns tagtäglich beobachtenden elektronischen Augen. Diese allzeit wachen Beobachter hat Alexander in einer Fotoserie porträtiert. Seine Bilder wirken ästhetisch ergreifend und beängstigend zugleich. Kann Überwachung ästhetisch sein? Design, so zeigt Alexanders Forschung, hat längst auch im Überwachungsbereich Einzug gehalten. Schicke Armbänder messen unsere körperliche Fitness und bringen Krankenkassen dazu, bessere Tarife im Gegenzug für mehr Kontrolle anzubieten. Verkauft wird das Modell als Win-Win-Situation für beide Seiten. Erschreckend ist dabei, dass viele Menschen sich gar nicht mehr dagegen wehren wollen, sondern der Ästhetik der Produkte verfallen oder sich denken, dass es sich nicht mehr lohnt, sich zur Wehr zu setzen. Das ist ein Armutszeugnis für unsere Gesellschaft, vor allem für eine, die sich selbst zu einer demokratischen Wissensgesellschaft stilisiert.

Alexander provoziert mit seiner Arbeit all diese wichtigen Fragen. Und belegt, dass mehr Überwachung nicht gleich ein Mehr an Sicherheit bedeutet. Sondern eher mehr Unfreiheit. Im Umkehrschluss stellt er damit die Frage, wie viel persönliche Freiheiten wollen wir abgeben, um in einer vermeintlich risikofreien Welt zu leben.
 

Wir leben in einer Zeit des gefühlten hohen Risikos. Terrorwarnungen sind zur täglichen Meldung geworden. Terroranschläge sind wöchentlich in den Nachrichten. Das Wort „Krise“ hat Hochkonjunktur und wird fahrlässig verwandt. Flüchtlingskrise. Flüchtlingsstrom. Den vielen Meinungsführer/-innen würde ein soziologisches Seminar über Begriffsbedeutungen und ihre Verwendung gut tun. Manche, vor allem die am Anfang beschriebene Kaste der Innenpolitiker/-innen, und besonders die Vertreter/-innen populistischer Parteien wissen sehr wohl, wie solche Begriffe wirken. Sie verwenden diese als Waffe und nehmen uns in kollektive Geiselhaft: Lahmlegung durch Angst. Aus dem Schüren kollektiver Ängste erwächst eine allgemeine Paranoia, die uns zu scheinbar willenlosen und von Furcht getriebenen Wesen macht. Wir bekommen das Gefühl in einer Risikogesellschaft zu leben. Kritisch zu hinterfragen ist dabei die Rolle der Medien und inwiefern sie mit ihrer Berichterstattung zu diesem Grundgefühl, in einer Welt kurz vor dem Untergang zu leben, beitragen. Angst und Unsicherheit sind die Wegbereiter für Autokratie. Nicht umsonst wird die Zeit der zusammenfallenden Weimarer Republik gegenwärtig wieder öfter erinnert.
 

Am Ende konnten die ganzen Überwachungsmechanismen eine so grausame Einzeltat wie die schreckliche Nacht von Nizza nicht verhindern. Und werden es wohl auch zukünftig nicht tun. Überwachungstechnische Systeme, die Taten vorhersagen, wie es im Film Minority Report erzählt wird, werfen eine Vielzahl ethischer Bedenken auf. Die Moral der Geschichte: Alles, was Freiheiten einschränkt und gleichzeitig Risikofreiheit verspricht, muss genaustens auf den Prüfstand gestellt werden.

 

Nicht die Überwachung ist die Antwort. Es ist die Frage, warum Menschen sich zu solchen Taten entschließen. Natürlich wird es immer auch den unberechenbaren Faktor Mensch geben, eine/-n von Manie getriebene/-n Einzeltäter/-in. Doch oftmals ist es eine soziale Frage. Eine Gesellschaft, die Gewinner/-innen und Verlierer/-innen produziert, muss sich nicht wundern, dass die Ausgestoßenen zu anderen Mitteln greifen. Mehr Geld in soziale Programme zu stecken anstatt die Industrie weiter zu füttern, das fällt auf verwunderliche Weise niemandem ein in einem System, dass sich als soziale Marktwirtschaft feiern möchte.

 

Dass Edward Snowden immer noch im Exil leben muss, ist eine Schande. Ohne ihn wüssten wir nicht, wie respektlos mit unseren Grundrechten umgegangen wird und wie gläsern wir bereits sind. Sein Fall zeigt, dass die persönliche Freiheit ein leeres Versprechen geworden ist. Ein Gut, was langsam zu Grunde geht, bevor es sich überhaupt richtig entfalten konnte. Wir vergessen zu oft, wie viele Opfer für gewisse Freiheiten erbracht werden mussten. Freiheiten bedeuten Risiko. Aber das ist auch gut so. Denn dadurch gibt es Flexibilität, die eine Gesellschaft braucht, um auf Veränderungen zu reagieren und um sich überhaupt verändern zu können. Diejenigen, die auf eine stärkere Kontrolle pochen, wollen die Unberechenbarkeit der Masse bändigen, um ihre Macht über diese zu festigen. Denn Unberechenbarkeit und Flexibilität ängstigen die Mächtigen. Ihr Machterhalt ist dadurch gefährdet. Genormte und erpressbare Menschen sind wirklich einfach zu regieren. Wir vergessen zu oft, dass wir durch die Überwachung das Recht auf Geheimnisse verlieren.

Natürlich tragen in manchen Fällen Kameras dazu bei, Straftaten aufzuklären. Aber die Statistiken, die Alexander in seiner Arbeit präsentiert, verweisen auf keine wirklich weitreichenden Effekte. Gewalt muss an der Wurzel gepackt werden. Gegen die Ursachen hilft keine Technik.


Dieser Text will am Ende nur eins: Der/Die Leser/-in soll beim Blick in die Linse der nächsten Überwachungskamera dazu motiviert werden, darüber nachzudenken, wofür diese Kamera steht. Sie ist die objektivierte Form der Frage: Was ist Freiheit? Und wie frei bin ich wirklich? Diese Kamera ist aber nur die sichtbare Spitze des Eisbergs des fast allmächtig gewordenen Überwachungsapparats. Edward Snowden sagt im Dokumentatrfilm Citizenfour: „Ich will nicht in einer Gesellschaft leben, die so etwas macht.“

Willst du?

 

Die den Fotos zugeordneten Zitate sind den zugehörten Gesprächen und Telefonaten entnommen, die Nina Rathke zu persönlichen Forschungszwecken protokolliert.

 

 

Alexander Naumann

 

hat seinen Bachelor in Industriedesign an der HTW Berlin verteidigt. Bald geht für ihn die Reise weiter nach Halle an die renommierte Burg Giebichenstein. Alexander interessieren in seiner Arbeit vor allem die Metathemen, welche das Wechselspiel zwischen Design und Gesellschaft erforschen.

 

Alexander Naumann ist im Rahmen des German Design Award für den Newcomerpreis nominiert. Wir drücken die Daumen!