Planierraupe

KAAWUMM! In einem Häusereingang schlage ich auf dem kalten, harten Boden der Realität auf.

 

Der Fallschirm ist anscheinend nicht aufgegangen. Mir tut alles weh und ich beginne panisch meine zitternden Finger und Zehen nachzuzählen. Noch alles dran und auch kein Blut. Bunt bemalte Wände und der Geruch von feuchtem Putz. Regen. Mitleidig gaffende Passanten, von denen ich auf gar keinen Fall angesprochen werden möchte und deshalb der Versuch die Tränen in meinem Gesicht als Wassertropfen zu verkaufen. Aber auch die will niemand, genauso wenig wie meine Bekenntnisse. Weil ich nicht mehr anders konnte, es sich nicht mehr anders aushalten ließ - das Gefühl in meinem Innern -, habe ich heute jemandem meine Liebe gestanden. Es ist hart und bitter. Bitter, hart. Hartbitter, zartbitter, Schokolade, lecker, süß. Beim Gedanken daran, wie perfekt ER für mich ist, schießen mir erneut die Tränen in die Augen und ich würde mich am liebsten fest ins Gesicht schlagen für so viel Selbstmitleid und für den Gedanken, dass irgendjemand perfekt für irgendjemanden ist. Vor meinem inneren Auge: Wir. Lachend. Bis der Himmel auf einen fällt und alles im Bauch ist. Wie Himbeersoße und Schlagsahne. Dumme Versteckspiele und Flirtversuche, die alle scheitern, aber so aufregend sind. Vorgeben, man sei kompliziert, damit er dann sagt, das wäre eine Lüge und es genießen, eine Lügnerin genannt zu werden, weil das so verrucht klingt; aber wissen, dass man nicht gelogen hat und auch ein bisschen traurig sein, dass er nicht sagt: Na und? Mit den Blicken an ihm kleben, bis man sich selbst oder die beste Freundin einen ertappt. Heimliche Mädchengespräche auf dem Klo. Sich vor dem Spiegel kichernd mit leuchtenden Augen den Lippenstift nachziehen und dabei viel zu jung sein für ihn. Viel zu jung. Und er genau richtig für mich.

 

Da steigert man sich rein. Ich steigere mich da rein und irgendwann, wenn man schon alleine, also ohne die anderen, etwas zusammen gemacht hat oder sich sehr oft tief in die Augen blickt und es als Spiel verkauft, damit man sich traut, dann kann ich nicht mehr. Ich kann dieses Gefühl nicht mehr für mich behalten und ich habe Lust, alles auf diese Karte zu setzen, obwohl ich mir des Risikos bewusst bin. Die totale Zerstörung ist immer die Zweitoption, aber ich kann nicht anders und denke mir: Wenn ich nicht alles haben kann, warum sollte ich die Hälfte wollen? Wenn ich mich fühle, als würde ich innerlich explodieren, wenn ich ihn sehe, und jedes Mal implodiere, wenn er nicht zurückschreibt, dann will ich alles oder nichts und nicht so ein beschissenes Wir-sind-die-besten-Freunde-Gedöns. Das bringt niemandem was und das ist auch nicht wahr. Wir hängen uns dann doch nur aneinander, weil sich das besser anfühlt. Weil es für uns beide ein Gewinn für unsere Selbstwahrnehmung ist. Ein kleiner Lolli für das Selbstbewusstsein, ein Schleifchen für das Ego und dann sage ich einen Satz. Dieser Satz ist meine Planierraupe, mit der ich alles, was zuvor dagewesen ist, dem Erdboden gleich mache. Ich zerstöre. Süße, kleine Tierchen, Bäume, Blumen, Menschen, Häuser, den Himmel, die Wolken, die U-Bahn, Restaurants. Überall liegen nur noch Überreste, zerquetschtes Fleisch und quiekende, piepende Jungtiere, deren Mütter ich getötet habe, die er getötet hat, weil er nicht wollte. Nicht konnte, nicht durfte. Ich sehe meine Schuhe, die hochhackigen, mit denen ich mich heute verkleidet habe, um zu gefallen und mit denen ich mit Sicherheit wie ein Trampeltier laufe.

 

Ich beobachte meine Finger, die sich zitternd aneinander klammern, sich verschränken und sich gegenseitig den dummen roten Lack von den Nägeln kratzen, den ich eigentlich hasse. Er tätschelt unbeholfen meine Schulter und ich trete gegen sein Auto, was er mit einem milden Lächeln hinnimmt, das mich noch wütender macht. Ich will jetzt nicht Haltung bewahren und mich anständig, peinlich berührt und zuvorkommend verhalten. Ich möchte alles kurz und klein hauen, weil ich so wütend bin, dass ich Fangen mit der Liebe spiele, obwohl ich doch weiß, dass man das nicht macht. Ich will nichts mehr essen, nicht mehr lachen und zu einem wirklich bösen Menschen werden. Ich möchte zynisch sein und mir eine Höhle im Wald bauen, mich jeden Morgen im Schlamm suhlen und vorbeigehende Wanderer zu Tode erschrecken.

 

Stattdessen steige ich in die U-Bahn und...fahre zu meiner Mutter. Sie lächelt über mich, wie ich schluchzend in der Tür stehe und nimmt sich meiner an. Ihr Lächeln beruhigt mich, denn es ist ein Versprechen, dass es bald vorbei sein wird. Spätestens dann, wenn ich den Nächsten küsse. Dann ist mein Herzschmerz nur noch ein kleines Zwicken und der Gedanke an ihn lässt mich nicht mehr mich selber schlagen. Mein Liebesgeständnis ist dann vielleicht eine lustige Geschichte, die ich bei einem Spieleabend erzähle. Bald werde ich kaum noch an ihn denken. Vielleicht bleibt eine Geste oder ein Satz in meiner Erinnerung haften. Vielleicht werde ich mich nur noch an seine Hand auf meinem Oberschenkel erinnern, die er nicht wegnahm, um zu schalten. Aber das war es wert, das Risiko.

 

Anna Schimrigk

 

Dem Schreiben widmet sie sich eigentlich nur, wenn sie betrunken ist; sie ist sich aber darüber im Klaren, dass diese zwei Dinge nicht zwangsläufig zusammengehören. Schließlich war es als 10-Jährige, trotz ihrer massiven Lese-Rechtschreibschwäche, ihr Wunsch, Fantasy-Autorin zu werden. Es scheint, als hätte Anna Schimrigk schon immer der Realitätsbezug gefehlt. Aber vielleicht ist das auch gut so.

 

 

http://www.anna-schimrigk.de/

http://www.cdreikauss-schauspieler.de/schauspielerinnen/anna-schimrigk.php

 

Neben der Schauspielerei versucht sie leidenschaftlich gerne Musik zu machen, was ihr mit ihrer Freundin Corinna Pohlmann als Band „Hut&Rot“ sogar manchmal gelingt.

 

https://www.youtube.com/watch?v=8w7pNtjY9SQ

https://www.youtube.com/watch?v=8A5ErRXqu6c

  Ein Gefühl  
 
von
Anna Schimrigk