Hannover - (k)ein Risiko?

„Hannover und Risiko, das passt ja mal so gar nicht“, sagt Rebecca, während wir durch die Innenstadt gehen. Am Schiller-Denkmal wäre sie fast von einem Fahrradfahrer umgenietet worden, obwohl der um diese Uhrzeit da eigentlich gar nicht fahren darf, ihr Einwand scheint mir aus diesem Grund etwas haltlos. „Wenn wir von Risiko in Zusammenhang mit deutschen Städten sprechen, ist Risiko dann überhaupt das richtige Wort?“, frage ich Rebecca. „Vorsicht, Kot!“, antwortet sie und zerrt mich auf ihre Seite. Eine Taube fliegt mit Karacho über unsere Köpfe hinweg, wir stellen uns unter einen der Alleebäume auf dem Weg zum Steintorplatz. „Gibt es in der Stadt eigentlich Zecken?“, fragt sie und beäugt misstrauisch das dünne, anblühende Stück Baum. „Ein Risiko wäre es, wenn wir uns jetzt bei ‚Bratwurst Glöckle‘ eine Currywurst genehmigen würden“, sage ich. „Wieso denn das?“, fragt Rebecca. „Produktionsbedingungen, Hygiene, Cholesterin, Fett, Stress“, sage ich und komme mir übertrieben vor. „Das Risiko geht man aber überall ein“, antwortet sie trocken, „auch auf dem Land.“ Ich lehne mich gegen den knorrigen Stamm: „Magst du Hannover?“ Rebecca schaut mich an: „Sagen wir mal so: Wenn ich erzähle, wo ich wohne, rümpfen die Leute meist die Nase.“ Sie zieht ihre Nase kraus und verstellt die Stimme: „‚Hannover? Das ist doch keine richtige Großstadt, nur eine überfüllte Fußgängerzone.‘ Selbst im Einwohnermeldeamt wurde ich fragend angesehen: 'Von Hamburg nach Hannover? Haben Sie sich das gut überlegt?'“ 

 

Ich denke an das letzte Mal, als ich in Hamburg war. Ich musste auf die Süd-Seite des Hauptbahnhofes, also nach hinten raus. Das erste, was ich sah, war ein Blumenstand, an dem sich Menschen vorbeidrängten, die gerade aus der U-Bahn kamen oder zur U-Bahn wollten. Das erste, was ich roch, war Pisse. „Also, Blumen-Pisse gibt es in Hannover zumindest nicht“, sage ich laut. Rebecca ist mit einem Kaugummi an ihrer linken Schuhsohle beschäftigt. Hinter uns hupen die Autos, die von der Schmiedestraße durch die Georgstraße über Am Steintor auf die Goethestraße einbiegen wollen. Die Fahrbahn ist einspurig, manchmal hält einer und begrüßt seinen Cousin oder Onkel. Die kleine Rotlicht-Meile wirkt tagsüber eher familiär als durchtrieben. Rebecca folgt meinem Blick, sie weiß sofort, was ich denke: „Ja, ok. Aber feiern in Hannover ist wirklich ungefährlich.“ „Meinst du?“, frage ich. „Was ist mit dem, der sich letztes Jahr in der Scholvinstraße erschossen hat? Oder an der Goseriede kam es mal zu einem Streit zwischen zwei Männern - klar, um die Frau - und der eine kam doch dabei um.“ „Das sind Ausnahmen, die gibt es auch in jeder Stadt.“ Ich versuche es weiter: „Und was ist mit den Demos, die hier ständig ausarten?“ „Ausarten… Jetzt übertreib mal nicht“, sagt Rebecca. „Geh mal in Hamburg auf eine Demo! Und eigentlich wäre ich da auch gar nicht weg, wenn ich nicht hier einen Studienplatz bekommen hätte. Mir kam südwärts immer wie die falsche Richtung vor – mein innerer Kompass ist da recht konservativ, er zeigt einfach immer nach Norden.“ Ich nicke.

 

Für mich gehört Hannover zum Norden, die Stadt in die Kategorie Süden zu verfrachten, finde ich als Südwestlerin etwas seltsam, aber ich bin lernfähig und übergehe meinen eigenen Einwand. „Ist der Norden Deutschlands eigentlich risikoreicher als der Süden?“, frage ich. Wir sind auf dem Weg zur Altstadt, wir wollen zum Ballhofplatz. Wo das einzige Risiko darin besteht, keinen freien Liegestuhl vor dem Teestübchen mehr zu bekommen. „Der Umzug nach Hannover war für mich ein Risiko“, lacht Rebecca. „Die Stadt gilt ja jetzt nicht unbedingt als eins.“ Ich bleibe vor dem Erotikshop an der Knochenhauerstraße stehen und betrachte die Auslegeware der ‚Liebhabereien‘. „Ja, und genau das lässt mich nicht in Ruhe“, sage ich. Warum sollte Hannover kein Risiko sein? Warum wird immer davon ausgegangen, dass Hannover eine  von Spießbürgerlichkeit durchtränkte Stadt in der Mitte Deutschlands ist, die sich in ihrer Konformität so eingemummelt hat, dass sie auch noch stolz darauf ist?“ Rebecca legt den Kopf zur Seite: „Du kannst es auch so sagen: Hannover wird von Menschen, die die Stadt nicht kennen, oft als langweilig empfunden. Dabei ist sie eher so etwas wie der kleinste gemeinsame Nenner. Es gibt nicht von allem immer viel, aber von allem etwas - Kultur, Clubs, Läden, Natur. Es gibt ganz nette Bauwerke und erstaunlich viele Menschen, die einem die Tür der Bahn aufhalten. Zumindest das gibt es nicht in jeder Stadt.“ „Aber man kann doch in Hannover ein Risiko eingehen.“, sage ich aufbrausend. „Was ist mit den Chaostagen in den Neunzigern? Und was mit Häuser besetzen und MOSES sprayen?“ Rebecca grinst. „Und nachts durch die finsteren Ecken von Sahlkamp laufen, das meinst du wohl“, sagt sie. „Ja!“, rufe ich. „Stell dir doch mal vor: Da gibt es ein Märchenviertel! Da gibt es einen Froschkönigweg, einen Sterntaler- und einen Däumlingweg! Diese euphemistische Aufwertung eines Stadtteils, um das zu vertuschen, was da eigentlich abgeht, nachts in den dunklen Ecken.“ „Jetzt übertreibst du aber wirklich“, sagt Rebecca. Sie setzt sich an den Ballhofbrunnen, die drei Tombakkugeln drehen sich nicht, die Stadt hat die Wasserzufuhr anscheinend noch nicht angeschaltet. Vor dem Teestübchen sind die Liegestuhl-Plätze wie befürchtet belegt.

 

Rebecca und ich sitzen eine Weile still. Wir sehen das Grün des dichten Efeus an den Hauswänden leuchten und die Mitarbeiter des Jugendtheaters, die vor der Vorstellung noch mal eine rauchen. Wir hören das Rattern der Fahrräder über die Pflaster des Platzes und die Amseln, die den Abend ankündigen. „Weißt du“, sagt Rebecca, „ein wirkliches Risiko ist es, sich in diese Stadt zu verlieben.“ Ich lächle versöhnlich. „Ja“, sage ich, „aber es ist ein Risiko, das sich einzugehen lohnt.“

 

 

Stadtnotizen

 

Rebecca arbeitet als Projektmanagerin und Melanie ist freie Journalistin. Die beiden sind aber am liebsten für ihren gemeinsamen Blog Stadtnotizen vor allem in Hannover, aber auch in vielen weiteren deutschen Städten, Europa und der Welt unterwegs. Dabei sind sie immer auf der Suche nach Begebenheiten, die den Alltag besonders machen.

 

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