NO risk, NO fun

Sex heißt Risiko. Das kriegen wir von Kleinauf vermittelt.

In der Kindheit entwickeln wir erst einmal Scham.

 

„Like stupid Adam and Eve they found their love in a tree   
God didn't think they deserved it       
He taught them hate, taught them pride         

Gave them a leaf, made them hide“

(Origin of Love, Mika)


Unsere Eltern, als selbsternannte Hüter/-innen und Vertreter/-innen der gesellschaftlichen Normen, reichen uns das Blatt, hinter dem wir bitteschön unsere Nacktheit zu verstecken haben. Dabei hatten wir so viel Spaß an Doktorspielchen. Ich selbst habe mit meinen Freunden im Kindergarten und in der Schule diverse Forschungsreisen am Körper vorgenommen. Das war immer ziemlich aufregend. Nur passierte das Ganze immer unter dem Label des Verbotenen. Vielleicht war es gerade deshalb so spannend. Eine Psychologin brachte es in einem Gespräch auf den Punkt: Kindliche Sexualität ist ein Tabuthema. Geboren ist die Scham! Post-Anale-Phase. Sex ist etwas, was nur Erwachsene dürfen. Sex ist etwas Komisches. Sex wird mit den eigenen Eltern und dem eigenen Wurf auf diese Erde assoziiert. Da brauchen wir uns über die zwiespältige Konnotation nicht wundern.

 

Im Sexualkundeunterricht wird es dann sehr sachlich. Wir kichern über kopulierende Zeichentrickfiguren und lernen, wie Fortpflanzung funktioniert. Wenn Sex, dann bitte mit Selbsterhaltungszweck, ist die Devise. Der Sexualkundeunterricht wird mit den Jahren immer detaillierter. In den oberen Klassenstufen lernen wir, dass Sex ziemlich viel Scheiße bedeuten kann. Eine lange Liste von Krankheiten wird runtergebetet. Das Stigma und Todesurteil lautet: HIV. Wenn du das bekommst, dann hast du's zu wild getrieben, du Nutte! Ein Wunder, dass wir nach all dem immer noch bereit sind, Sex miteinander zu haben. Wir suchen das Lustvolle, von dem alle munkeln, in schließlich Pornos. Wir sind zunächst fasziniert, was alles geht. Um daraufhin bei uns selbst festzustellen, dass eben doch nicht alles geht, was da gezeigt wird. Dass das auf den Bildschirmen Athletinnen und Athleten sind, die es schaffen, akrobatische Verbiegungen zu vollführen, während ein Dutzend Schwänze gleichzeitig in verschiedenste Öffnungen gerammt wird, ist eine echte Erkenntnis. Sex als Leistungssport. Und wenn wir dann nach einem langwierigen Prozess von Trial and Error mal unseren eigenen Sexstil gefunden haben, der einigermaßen Lust und Sicherheitsfaktoren vereint, dann kommen die nächsten Hürden: die Barebacker. Nein, nicht Backpacker. Nicht diese Möchtegernabenteurer mit Rucksack. Barebacker! So richtig abenteuerliche Genossen! Ja, diese Art von Typen, die meinen, ihren Schwanz überall reinstecken zu müssen – und das ohne Überzug (Barebacking bezieht sich dabei auf Analverkehr ohne Kondom. Mit „back“ ist der Hintern gemeint. Der allgemeinere Begriff wäre Barefucker). Nicht nur das. Sie kommen dann auch noch mit den krudesten Sprüchen: „Hey, ich mach das sonst nie.“ „Vertrau mir, ich bin clean.“ Oder: „Du willst es doch auch.“ Hier mal eine Ansage an all diese sprücheklopfenden, hirnamputierten Flachwichser: Ja, Sex ohne Kondom ist geiler. Fleisch auf Fleisch ist definitiv das Höchste der Gefühle. Und wenn es die verdammte Liste von Krankheiten nicht gäbe, dann wären wir auch all in! Aber habt ihr denn verdammt nochmal nicht aufgepasst in der Schule!?

 

In diesem Moment stellen wir uns gleichzeitig die Frage, ob Mutter Natur nicht etwas frigide war und STD erfunden hat, um uns vom Rumhuren abzuhalten. Egal, was sie sich dabei gedacht hat, es ist Fakt, dass eklige Bläschen und fieses Brennen das Resultat von Sex sein können. Und das sogar, wenn wir Kondome benutzen. Und vieles davon lässt sich ja noch einigermaßen heilen. Aber es gibt Scheiße, die wird man nicht so schnell los. Zum Beispiel das Trauma einer Abtreibung. Oder die Medikamente, die wir lebenslang nehmen müssten, um die Autoimmunabwehr am Laufen zu halten. Und dabei ist mensch selbst schon kulant. Würden die höchsten Sicherheitsvorkehrungen gelten, dann wäre ein Kondom beim Blasen Pflicht. Wer hält sich daran? Finden die Meisten genauso unsexy wie einen Fahrradhelm zu tragen. Irgendwo habe ich auch noch etwas von Lecktüchern gelesen, die sich frau auf die Muschi legen kann. Am Besten sollte ein Strahlenanzug Anwendung finden. Da bleibt das Risiko der Kontamination wirklich gering. Oder wir machen es wie religiöse Würdenträger (weniger -trägerinnen), vom Populismus gefickte Beschützerinnen der Kernfamilie und des Deutschtums (sind Flatratefickbordelle nicht eine deutsche Erfindung?) oder die CDU es verlangt: Eine/-n Partner/-in zum Kinderzeugen reicht. Lust kommt an zweiter Stelle. In einer Ehe geht schließlich nichts ums Ficken. Aber so einen rigiden Ansatz will ja heutzutage auch nicht jede/-r. Nicht einmal die Mehrheit der CDU-Wähler/-innen. Horst Seehofer (jaja, ich weiß CSU...aber ist doch die gleiche Scheiße, einfach in einer anderen Verpackung) hat ja vorgemacht, dass Monogamie nicht einmal in Bayern funktioniert. Und auf den Vatikan sind Gangbanger der ganzen Welt neidisch.        


Was auch immer uns ansozialisiert wurde, Sex kann verdammt viel Spaß machen. Sex ist die ultimative Verschmelzung von Körpern und manchmal, wenn wir mit ganz viel Glück gesegnet sind, auch von Seelen. Um wirklich Spaß zu haben, mal spontan und wild zu sein, senken wir bereits die Sicherheitsstandards und veranstalten Gratwanderungen. Wenn wir aber das Gegenüber erst dann davon überzeugen können, ein Kondom zu benutzen, indem wir den Hinweis fallen lassen, dass unser Loch womöglich nicht so „clean“ ist, so ist das wohl das Allerletzte! Der rezeptive Part, egal welchen Geschlechts, welcher Orientierung, muss sich den Stempel des dauervögelnden, risikofreudigen Fickmonsters verpassen, um Safer Sex praktizieren zu dürfen? Das kann's nicht sein! Umso ärgerlicher ist es dann, wenn wir doch nachgeben, um nicht so langweilig zu wirken, den Abend nicht zu zerstören und weil wir eben doch auch Bock hätten, richtig durchgenommen zu werden und weil wir vielleicht denken, dass Schicksal wird es schon gut mit uns meinen. Mit den Folgen dieser Entscheidung haben wir dann erst am nächsten Tag zu kämpfen. Und das Gefühl ist mal so richtig beschissen! Sex ist Risiko. Auch weil wir uns vielleicht dabei verlieben und ein ganz anderes Fass aufmachen. Aber kein Fick der Welt ist es wert, mit den Folgen zu leben, die eine Entscheidung haben kann, sich bare penetrieren zu lassen. Am Ende heißt Sex auch Respekt. Es ist eine Begegnung auf Augenhöhe, selbst wenn Rollenspiele Anwendung finden. Schließlich stehen sich Menschen gegenüber, die gleichwertig sind vor dem Grundgesetz, den Regeln des Universums oder vor irgendeinem der Götter, die im Himmel hausen. Nein heißt nein. Das gilt auch für Barefuckers. Und wenn ihr euch wieder einmal in einem Moment des Zweifelns befindet und des Nachgebens, dann denkt an die weisen Lyrics von Tic Tac Toe: „Jetzt hör mir mal zu / ich bin nicht so blöd wie du / denn zieht sich jetzt dein Pillermann / nicht sofort einen Gummi an / sag ich dir klipp und klar / dann bin ich nicht mehr da / leck mich am a...“

 

Und weil so viele auf die Monogamie schimpfen: Dort kann wenigsten einigermaßen sorgenlos gebarefucked werden. Aber macht vorher einen Test! Bitte! Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir doch schließlich!

  Eine Erotilumne  
 
von
Tony Hui