der/die Einzige

Viertel nach acht. Abend. Der Fernseher hat wieder diesen leichten Schnee. Wäre Tom hier, würde er am Apparat ruckeln, würde ihn leicht verschieben und sich einige Sekunden später zufrieden setzen. Ein stolzer und leicht vorwerfender Blick zur Mutter. Sie sollte langsam wirklich wissen, was zu tun ist. Er kann nicht immer auf sie Acht geben.

 

Die letzten Jahre hat sie Acht gegeben. Wenn sie darüber nachdenkt, dann bestätigt Mareike sich: Das ist das Anstrengende, aber doch auch das Schöne. Man ist zu zweit.

 

Sie achten sich. Sie wissen genau, wo Tücken liegen. Sie wissen, was sie zu unterlassen haben. Bevor Tom nach Hause kommt, hat sie ihre Portion schon hinter sich. Tom hasst das Kauen seiner Mutter beim Essen. Obwohl er es ihr nie sagt, weiß sie es. Sie stellt ihm das Essen hin und sieht zu. Mareike kommt durch. Schwierig wurde es nur einmal. Tom beschloss: Heute Abend werde ich kochen. Eine Aufmerksamkeit in einer Zweierbeziehung. Ein Drei-Gänge-Menü zusammen am Tisch. Zur Vorspeise servierte er frittierte Zucchiniblüten. Ein Gericht, das jene Bandbreite zwischen gewöhnlich und extravagant trifft, die Mareike herzlich hasst. Sie wollte lieber kotzen denn kauen. Aber Tom ließ den Blick nicht von ihrer Gabel. Mit zwei Bissen war die Vorspeise vertilgt. Knackiges Gemüse zum Hauptgang, Crème Brûlée als Abschluss und die Folter war beendet. Ebenso das Zucken von Tom.

 

Sich gegenseitig einen Gefallen erlauben, haben sie sich seitdem abgewöhnt. Jede Eigenart wird anerkannt. Nur Rücksicht, keine Einsicht.

 

Mareike schaltet die Röhre aus. Ihre Strickjacke etwas enger geschlungen, schleicht sie auf die Terrasse. Seitlich des Fensters hockt sie auf dem Boden und zündet sich eine Zigarette an. Ob Tom den Geruch des Rauchs auch hasst? Sie weiß es nicht, sie nimmt es 'mal an. Ganz leise zieht sie den Rauch ein und stößt ihn möglichst zum Boden vom Fenster weg gen Garten.

Er ist ihr Jüngster, ihr Ältester, ihr Einziger.

 

Sie ließ alle sitzen. In den letzten Jahren wollte immer jemand an ihre Seite treten. Dieses penetrante Vereinnahmen, dieses Sichaufdrängen und dieses Sie-Kennen-Wollen-Würden. Niemals würden sie unausgesprochenes Verständnis haben, dennoch so tun, als wären sie für sie da. Als wären sie zu dritt. Sie hasste es.

 

Irgendwie war endlich eine Stunde verstrichen. Noch eine weitere Stunde und sie könnte ihn holen. Sie könnte Tom wieder zu sich holen.

 

Sie wird an der Tankstelle auf ihn warten. Er wird sich beeilen, dennoch zu spät sein. Kurz hustet sie, als seine Fahne ihr entgegenschlägt. Riecht sie selbst so nach Rauch? Sie fahren viel zu langsam. Mareike kann nachts schlecht sehen. Die Landstraße nach Hause. Sie wird den Motor abschalten. Die Fahne wird sie weiter ignorieren und Tom anlächeln. Dann wird er sagen: Mama, ich ziehe aus. 

 

Nina Rathke

 

  Eine Entscheidung  
 
von
Nina Rathke