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GEDANKEN EINER TOCHTER | Kurzprosa | Nina OderDoch

„Du beleidigst mein Gemüt.“

Zwei Blicke. Stille. Damit war jede Diskussion beendet. Wenn sie damit kam, konnte man nicht mehr mit ihr reden. Vielleicht hätte Nora so auch mit ihrer Tochter gesprochen. Wenn sie denn eine gehabt hätte. Keine Kinder, kein Mann und nicht immer die Erklärung, dass sie selbst es so wollte.

Gerade an solchen Tagen, die so klebrig durch das Warten auf den winterlichen Schnee waren, dachte sie an die Gespräche mit ihrer Mutter. Eigentlich stritten sie selten, aber wenn dann wegen banaler Dinge.

Keine von Noras Freundinnen liebte ihre eigene Mutter sonderlich. Neid, Misstrauen bis hin zu Verachtung. Wenn ein liebliches Wort fiel, dann war es belanglos. Die Lossagung der Tochter. Das Ebenbild der Mutter. Der Streit um den Platz in der Familie. Das ewige Kind sein und dennoch eigenständig leben wollen. Irgendwo hier musste der Kern liegen, dass sie alle mehr dem Vater denn der Mutter zugetan waren.

Nora schätzte die Eigenständigkeit ihrer Mutter, ihre Strenge und ihre Leichtigkeit im Umgang mit Fremden. Nora liebte ihre Mutter.

Als sie zwölf war, ahmte sie ihrer Mutter jede Bewegung, jeden Blick nach. Sie hasste es, dass Nora selbst beim gemeinsamen Tanz zu Silvester oder beim gemeinsamen Konzert mehr bejubelt, doch ihre Mutter mehr bewundert wurde. Trotzdem verschluckte auch sie fast jeden Ton, wenn sie den Blick von ihrer Mutter nicht lassen konnte. Bei ihrem Anblick wurde sie ganz leise. Vielleicht hat sich das nie geändert. Zu ähnlich war Nora ihrer Mutter. Mehr als dem Vater, von dem sie nur die Hände und Augenfarbe hatte. Mit ihrem Vater stand sie nie in Konkurrenz. Er unterstützte sie. Er war erfolgreich. Sie neidete ihm nichts. Die Beziehung zu ihren Eltern beschrieb Nora immer als freundschaftlich. Doch wenn sie jetzt an ihre Mutter dachte, dann dachte sie nicht an eine Freundin. Dann dachte sie an ihre Mutter. Dann dachte sie daran, dass sie mit vierzig Jahren wieder zu ihrer Mutter gezogen war. Immer noch fütterte diese die Vögel, auch wenn der Boden noch lange nicht gefroren war. Sie kochte Marmelade, ohne dass einer aus der Familie sie essen wollte und sie beendete noch immer jede Diskussion mit den Worten „Du beleidigst mein Gemüt.“

Doch Nora war nicht sauer. Sie war nicht neidisch. Sie war froh, hier zu sein. Dass sie tatsächlich mit ihr tanzte. Dass zu Silvester ihre Mutter mehr bejubelt und heimlich Noras Schwung bewundert wurde, machte sie traurig. Hatte sie ihn doch von ihrer Mutter gelernt. Sie ertrug es kaum. Wenn mit ihrer Mutter nur noch in Hauptsätzen gesprochen wurde. Wenn jemand im Vorbeigehen ihr Haar streichelte. Wenn jemand ihre Mutter nicht ernstnahm.

Nora verabscheute Töchter. Alle. Weil keine, Nora eingeschlossen, je aufrichtig, ehrlich und von reinem Herzen ihrer eigenen Mutter etwas gönnten.

Die Krankheit war mal schlimmer, mal besser. Nora hatte lange gezögert, wieder nach Hause zu kommen. Der Vater war schon lange tot. Wenn Nora an ihre Eltern dachte, dann wünschte sie sich, dass sie Freunde gewesen wären. Doch noch mehr wünschte sie sich für immer Tochter sein zu können.

An einem jener klebrigen Tage sah Noras Mutter sie an und sagte, bestimmt und dennoch unschuldig: Ich will dir keine Last sein. Draußen stritten die Spatzen um die Sonnenblumenkerne. Nora sah ihre Mutter freundschaftlich an.

Du beleidigst mein Gemüt.

#abhaengigkeit

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