Ein (schonungsloser) Einblick 
 von Martin Tege
 
 

 

Es gibt im Leben einige Dinge, die dumm machen können. Alkoholmissbrauch zerstört die grauen Zellen, Drogen zehren an der Substanz, und soziale Netzwerke sorgen angeblich für „digitale Demenz“. So weit, so schlecht. Aber einen guten Grund für irre Ideen und gruselige Gedanken liefert seit jeher das deutsche Fernsehprogramm. Und das schläft nie. Besonders nachts dreht sich darin alles um Angst, Hass und Titten. Austauschbar und oft wiederholt sind das die Bilder einer schlimmen geistigen Umnachtung, die alles Denken zu Boden ringt – in drei heimtückischen Phasen.

 

Phase 1: Bums-Reportagen

 

Die Nacht hat gerade begonnen, und es wird schlüpfrig auf den Schirmen. Wer es bei „Frauentausch“ nicht schafft, auszuschalten, kommt auf RTL2 in den Genuss eines TV-Formats, das ganz intime Einblicke ins Zeitgeschehen liefert. „Voll versaut – Beswingtes Deutschland“ heißt das Meisterwerk der Fernsehkunst, in dem über die Swinger-Vorlieben der Deutschen berichtet wird.

Rita und Uwe aus Berlin und Thüringen führen eine Fernbeziehung. An jedem Wochenende treffen sich die beiden in einem Swingerclub in Sachsen. Sie wollen ihren Fetisch ausleben und ihre Liebe aufregend gestalten. Oft hat Uwe eigens designte Kleider für seine Partnerin dabei. Heute überreicht er Rita ein Kettenkleid, das aussieht, als hätte er die alten Schneeketten fürs Auto dafür zusammen geknüpft. Beide wirken glücklich. „Es sollte schon mehr Lust als Frust da sein“, sagt Rita und wirft sich in ihr neues Outfit. Das Club-Programm heißt „In acht Stunden um die Welt“. Und so werden Rita und Uwe sich durchs alte Ägypten, die Meereswelt, übers Piratenschiff und am Ende ins Tipi bumsen. Bei allem ist die Kamera dabei und liefert Szenen von halbnackten Mittvierzigern beim Liebesspiel im Halbdunkel. Hier und da hängen Brüste heraus, werden Ärsche geknetet wie fahle Teiglinge und Menschen als sich liebender Haufen gezeigt. „Sex steht nicht im Vordergrund, ist aber eine positive Begleiterscheinung“, sagt Uwe, der sich ein ums andere Mal als verkappter Romantiker outet. Dann gehen die beiden auf ihr Zimmer und machen es sich auf der Decke in Leoparden-Optik bequem. Am nächsten Wochenende wollen sie sich wieder hier treffen, in Sachsen, und an ihrer „Lust statt Frust“-Beziehung arbeiten.

Doch leider geht auch die schönste Erotik zu Ende, und der Zuschauer muss weiterziehen. Nach den schwabbeligen Fleischeslüsten lässt sich in der Fernsehnacht nämlich auch Handfestes entdecken: Dokumentationen über Tod, Angst und das Ende der Welt.

 

Phase 2: Dokus

 

Ganz Wissensdurstige können sich auch nachts den Problemen von Mutter Erde stellen. „Geheimnisvoller Planet: Erdbeben“ ist eine der vielen Dokumentationen, die N24 zeigt. Wer hat nicht Lust, genau jetzt über Naturkatastrophen nachzudenken? Im heimischen Ohrensessel lässt sich schließlich am besten über das Unglück anderer einschlafen.

Oklahoma, der Staat im Süden der USA, hat ein Problem, denn immer öfter passieren dort Erdbeben. Menschen verlieren Haus, Hof und Leben. Weite Steppe, Wüste und grüne Felder, einsame Straßen und die Wolkenkratzer von Oklahoma City flimmern vorbei, während verheißungsvolle, düstere Musik die Gedanken von der Idylle ablenkt. Fracking und in die Erde geleitete Abwässer seien der Grund für diese Katastrophen, die in den schwärzesten Farben ausgemalt werden. „Könnten durch so was auch Mega-Beben ausgelöst werden, die das ganze Gebiet unbewohnbar machen?“, fragt der Erzähler. Vielleicht. Genau könne das keiner sagen. Verrückte 3D-Grafiken illustrieren die (eventuell) bevorstehende Apokalypse, dazwischen schildern Wissenschaftler in lustig bunten Hemden die Ausmaße der Naturgewalt. Erzähler: „Wissenschaftler diskutieren noch darüber, wie stark die Beben werden können.“ Wissenschaftler: „Wir wissen noch nicht genau, wie stark die Beben werden können.“ So plätschert der Informationsfluss vor sich hin, um mit einer Schreckensnachricht zu enden, die dem abgestumpften Glotze-Gucker schon egal geworden sein dürfte. „Das Schlimmste: Von Menschen verursachte Beben, die außer Kontrolle geraten.“ Menschen können also nicht mal die eigens ausgelösten Naturkatastrophen in die richtigen Bahnen lenken. Das macht nun wirklich betroffen.

Auf das wahre Übel der TV-Nacht stößt man aber nur, wenn alle anderen Sendungen jedes bisschen Anstand und Gutartigkeit aus dem Kopf getrieben haben. Der N24- Erzähler würde sagen: „Es ist eine Kulturkatastrophe von nie da gewesenem Ausmaß.“ Sie heißt Teleshopping.

 

Phase 3: Teleshopping

 

In den frühen Morgenstunden ist es Zeit für Schuhe bei HSE24. ACHTUNG!, VORRAT BEGRENZT!, NOCH NIE SO GÜNSTIG!, KAUFEN!, KAUFEN SIE DAS!, JETZT!, schreit deshalb das gestriegelte ModeratorenInnen-Duo. Wieso auch nicht? Wer kann schon auf Rinderstiefletten verzichten, die mit „Teddyfutter“ und Keilabsatzsohle in drei verschiedenen Farben aufwarten? „Das ist ein echter Winterschuh. Die Feuchtigkeit der eigenen Füße dampft durch alle Schichten des Schuhs“, preist die eine den „angesagten Klassiker“ an, während drei Models ihre Füße in die Kamera halten und den Unterkörper drehen wie halb gelähmte Schaufensterpuppen. Der „wahre Clou“ sei aber – solche Angebote haben schließlich immer einen „Clou“ – die Schuhkralle gegen Eisregen. Man stülpe die Kralle einfach über den Schuh und sei über alles Glatte im Winter erhaben. Das sei ja schon gefährlich, wenn das so glatt wird im Winter, sie sei sogar selbst schon einmal ausgerutscht, erzählt die eine Moderatorin, während die andere das schwarze Halfter über die Rinderstieflette zieht. Und da Hinfallen niemand wollen kann, ist KAUFEN! die einzige Option. Fast wäre der Autor dieses Textes stolzer Besitzer von Rinderstiefletten geworden, natürlich nur, um diese verdammte Schuhkralle gratis zu bekommen.

Aber auch ohne auszurutschen bringt einen so eine Fernsehnacht auf den Boden der Dinge. Der Körper fällt in Schockstarre, im Oberstübchen wohnt längst niemand mehr; aus Lust ist längst Frust geworden. Es sind unendliche Weiten, ein geistiges Vakuum, dem niemand so leicht entkommt.

 

Einzige Rettungsinsel: die ARD-„Space Night“. Eine Rakete steht in der Startrampe, wird in den Äther geschossen und landet im All. Die Erde von oben. Friedlich grenzt sich das Halbrunde vom Schwarz des Weltraums ab. Meere und Lande spiegeln die Lichter der Sonne wider, über ihnen schweben träge Wolkenmassen, ab und zu zieht ein Satellit vorbei. Sie hängt im Nirgendwo, dreht sich langsam, fast bewegungslos. Auf der einen Seite beginnt der Tag, auf der anderen die Nacht – vielleicht die bessere Endlosschleife als die des Fernsehens. Doch es gehört ja beides zueinander. 

 

 

 

Martin Tege - vom fame enttäuscht

 

René Goldbach und Martin Tege unterhalten sich online

unter folgender Webadresse 

https://vomfame.wordpress.com