„Es ist kalt, leg dir meine Jacke über deine Beine.“

 

„Ich hab dir eine Zigarette gedreht.“

„Gib mir das, ich trag es für dich.“

„Das musst du nicht.“

„Es steht dir nicht, wenn du Dinge tragen musst.“

„Aber...“

„Sei jetzt still.“

 

 

In der letzten Bar hatte man ihr einen Wodka gekauft, damit sie endlich anfing von sich zu reden. Mehr denn je langweilte es sie, ihre Gedanken, die sich versteckt vor der Außenwelt im Rondell ihres Kopfes unablässig wie Kreisel drehten, einem Gegenüber preis zu geben. Immer gleiche Phrasen zogen immer gleiche Fragen nach sich. Als der Wodka kam, kippte sie ihn hinunter und verweigerte die Aussage. 

 

 

Im Hof roch es nach Essen. Sie würde ihm etwas kochen, damit er es vor ihren Augen hinunter schlingen konnte, wenn er nach Hause kam…wenn er denn nach Hause kam. Als sie heraustrat aus den Schatten der Nacht, hinein in das langsam erglimmende Licht des Wohnungsflurs, hatte sie ihn tausendmal herbei gewünscht. Er hatte sich verliebt in die Nacht und taumelte am Straßenrand, auf der Suche nach Absolution. Dann, plötzlich schleuderte er sich in ihre Küche. Wie er da stand, mit schwarzen Augen und hängenden Schultern, hätte sie ihn so gerne einfach nur im Arm gehalten und ihm ihre Liebesbekenntnisse in sein Ohr gebissen. Sein Kiefer kaute unablässig und seine Finger kreisten um seine Hände. Es freute ihn, ihr Gesicht zu sehen, das krampfhaft versuchte, ihre Sorge und die Wut für ihn unsichtbar zu machen. Er hatte Tabak dabei, den er vor einigen Stunden gekauft hatte und der schon fast vollkommen leergeraucht war. Aus den Krümeln drehte er ihr reumütig ein dünnes Etwas, das sie voller Hass auf sich selbst am Fester rauchte, vor dem die Hofkatze jaulte. In Unterhosen lockte er sie mit Butter und fing sie im Hof. Sie nahm die Katze, drückte sie an sich, in der Hoffnung, sie möge ihr das Fleisch zerkratzen. Ihr gehässiges, selbstverliebtes, rücksichtsloses Fleisch zerbeißen, wieder im grauen Licht verschwinden und sie beide alleine lassen. Er sah sie an, sein Blick hungerte nach ihrem, und hielt sie fest umschlungen, fast wie sie die Katze gehalten hatte. Sie würde ihn nicht kratzen, ihn nicht beißen. Nicht schreien. Aber seine Worte, seine gezuckerten Worte, mit denen er sie dem Schlaf übergab, erreichten sie nicht.

 

 

Ihr Kopf fühlte sich merkwürdig an. Ein leichter Spannungskopfschmerz steigerte sich zu einer Migräne. Sie befühlte ihre Stirn und bemerkte mit Schrecken, dass sich in ihrem Gesicht sowie auf ihrer Kopfhaut...Beulen...bildeten. Mit panisch flatternden Fingern tanzten ihre Hände an ihrem Hals entlang Richtung Hinterkopf. Die Beulen wuchsen auch dort, wurden größer und größer. Sie wollte schreien doch auch in ihrem Mund bildete sich eine Geschwulst, die ihr die Luft abschnürte und es ihr unmöglich machte, zu sprechen. Dann ein Reißen, ein Quetschen, ein Bersten, ein Schlängeln. 

 

 

Draußen war es tiefschwarze Nacht. Tintenschwarz, dachte sie und erschauderte. Der Traum verflüchtigte sich nicht. Er glitt schleimig durch das Netz der Erinnerungen in ihrem Kopf und blieb hängen. Noch vom Schlaf betrunken richtete sie sich auf und bemerkte ein ihr unbekanntes Geräusch. Ein Bass waberte über den dunklen Hof, durch die Ritzen ihres Fensters, kroch zu ihr ins Bett und machte es ihr unmöglich wieder einzuschlafen. Blind bahnte sie sich ihren Weg durch die Wohnung bis in die Küche und setzte sich ans Fenster, um eine Zigarette zu rauchen. In der Wohnung gegenüber brannte Licht. Ab und zu sah sie einen Schatten an den großen Fenstern vorbeifliegen. Ihre Nachbarin tanzte. Allein. Nackt. Dann wurde in der Küche Licht gemacht und etwas aus einer Pfanne am Herd gegessen. Als spürte sie ihren Blick, wandte sie den Kopf. Die Beiden sahen sich an. Zeitlupensekunden verstrichen, bis sie schließlich den Blick senkte. Als sie aufsah, war die Küche wieder dunkel…und der Bass war verstummt.

 

Später in der Nacht, der Himmel färbte sich schwarz- lila in euphorischer Erwartung eines plötzlichen Gewitters, nahm sie den Regenschirm vom Garderobenhaken, warf sich eine Jeansjacke über und schlug die Haustür hinter sich zu. Sie standen zu zweit unter einem schwarzen Ungetüm und ihre glimmenden Zigarettenstängel waren kleine, aber dennoch große Lichter in der Dunkelheit. Der Himmel spielte sein Konzert, während sie im Einklang an ihren Zigaretten zogen.

 

Es war als würde der Himmel auf sie niederregnen! 

 

 

Im Hof auf den Mülltonnen bemerkte sie einen Teller mit Essen. Jemand hatte hier sorgfältig und liebevoll Kartoffeln, Bohnen und Fleisch angerichtet. Sie nahm den Teller und blickte sich um. Hinter dem Badfenster ihrer Nachbarin bemerkte sie einen Schatten. Sie stellte den Teller zurück.

 

 

Sie legte sich ins Bett und lauschte in die Dunkelheit. Aus der Wohnung gegenüber war Geschrei zu hören. Neugierig versuchte sie zu verstehen, was die Ursache des Streits sein könnte, doch zu schnell verstummten die Stimmen (oder war es nur eine gewesen?). Und so ließ sie sich von ihren gedanklichen Auswüchsen einschläfern und langweilen, als sie plötzlich ein kleines Licht an der rechten Wand neben ihrem Bett bemerkte. Das Licht behauptete sich zunächst nur unmerklich gegen die nun allumfassende Dunkelheit in ihrem Zimmer. Fast sah es so aus, als hätte jemand auf die weiße Wand einen noch weißeren Fleck gemalt und ihn dort vergessen. Der Fleck bewegte sich leicht und schien dann immer größer zu werden. Das Licht kam auf sie zu und umstülpte sie schließlich wie eine weiche Hülle. Sie fühlte sich mit einem mal vollständig angefüllt mit Glückseligkeit. Ihre Beine schüttelten die Trägheit ab und sie bekam eine unbändige Lust zu Tanzen. 

 

 

„Ich bin ein Flugzeug.“

„Ich auch. Rauchst du noch eine mit mir am Fenster?“

„Wenn du mit mir hinfliegst…“

„In die Küche?“

„Ja.“

Und die Wohnung war erfüllt von ihren Motorengeräuschen.

 

 

Das Fenster stand offen. Wieder brannte Licht in der Küche gegenüber. Dort standen sie. Sie und Er.  Und rauchten. Und starrten zu ihr hinüber.

 

 

 

 

 

Anna Schimrigk

 

Dem Schreiben widmet sie sich eigentlich nur, wenn sie betrunken ist;

sie ist sich aber darüber im Klaren, dass diese zwei Dinge nicht zwangsläufig

zusammengehören. Schließlich war es als 10-Jährige, trotz ihrer massiven

Lese-Rechtschreibschwäche, ihr Wunsch, Fantasy-Autorin zu werden.

Es scheint, als hätte Anna Schimrigk schon immer der Realitätsbezug

gefehlt. Aber vielleicht ist das auch gut so.

 

 

http://www.anna-schimrigk.de

http://www.cdreikauss-schauspieler.de/schauspielerinnen/anna-schimrigk.php

 

Neben der Schauspielerei versucht sie leidenschaftlich gerne Musik zu machen,

was ihr mit ihrer Freundin Corinna Pohlmann als Band „Hut&Rot“ sogar manchmal gelingt.

 

https://www.youtube.com/watch?v=8w7pNtjY9SQ

https://www.youtube.com/watch?v=8A5ErRXqu6c

 

 

Eine Beobachtung 
 von Anna Schimrigk