Wie oft habe ich mich in das Berlin der Goldenen 1920er geträumt. In diese Zeit - von zahlreichen Romanen und Filmen verklärt -, in der diese Stadt ein pures Abenteuer gewesen war, eine Metropole der Kunst und des Hedonismus', ein Sehnsuchtsort für viele, eine Blase der Freiheit und des zumindest gefühlten Aufschwungs in einem von Krieg und politischen Krisen gezeichneten Land. Sehe ich die Filmaufnahmen aus „Berlin – Sinfonie einer Großstadt“ oder Aufzeichnungen der Tanzaufführungen von Josephine Baker oder lese ich Zeilen aus Döblins „Berlin Alexanderplatz“, so packt mich der Wunsch in dieses Berlin zu reisen.    

Aber wozu eine Zeitreise machen? Ist Berlin nicht seit Jahren wieder zu einem Sehnsuchtsort geworden? Steigen hier nicht die wildesten Partys? Gibt es hier nicht die  woanders verwehrten Freiheiten? Ist es nicht der Ort, an dem Menschen Kunst und Kreativität zelebrieren, zwischen Glamour und Prekariat? Berlin ist auch weiterhin ein Ort der sozialen Kontraste geblieben. Und Menschen aus der ganzen Welt kommen hierher, um seinem legendären Nachtleben zu frönen und sich dem Laisser-faire zwischen Industriebrache und Späti hinzugeben. Als ich ich mir zu dieser Soziolumne Gedanken machte, plante ich zunächst eine Wutrede auf den selbstzerstörerischen Hedonismus dieser Stadt zu schreiben. Diese Stadt mit ihren geilen Partys, geilen Ideen, geilen Drogen und (not-)geilen Menschen. Ich wollte über die viele Berlinerinnen und Berliner oder solche, die diese Selbstbezeichnung gerne nutzen, schreiben, die nur für die nächste Partynacht zu leben scheinen. Über jene, die  von kreativen Karrieren träumen, aber zum Überleben einem langweiligen Moneyjob nachgehen müssen. Denen das ausgefallene Nachtleben mit seinen Vernissagen, Performances und Afterpartys es erlaubt, dem Klischee des hedonistisch-künstlerischen Lebens ganz nahe zu sein. Das Nachtleben als refugiumartige Glücksblase. Party und Drogen als Lebensinhalt. Über eine Stadt, in der man einfach nur jahrzehntelang versacken könnte. Über das Berlin, das seinem Lebensstil der Goldenen 20er irgendwie treu geblieben ist. Als Stadt des Aufschwungs und Verfalls zugleich. Mit dem Credo: Scheiß auf die Probleme. Wir feiern weiter. Es wäre eine sehr zynische Soziolumne geworden. Und eine selbstkritische obendrauf. Denn auch ich bin dem Ruf der Stadt gefolgt und schreibe neben meinem datenbanklastigen 9-to-5-Job eine Kolumne für einen Blog. Welch Selbstironie.    

 

Ich habe daraufhin versucht, den Begriff „Nachtmensch“ größer bzw. weiter zu reflektieren. Und ich kam dabei nicht umhin, immer wieder an das Gute und an das Böse zugleich zu denken. Ich erinnerte mich an diese legendären Nächte, die man durchtanzt und durchliebt, die man mit Glitzer überströmt durchzecht, in denen man tief- und unsinnige Gespräche führt, fremde Lippen schmeckt und die mit Frühstück am Dönerstand enden. Wenn ich vom Bösen schreibe, so fallen mir da nicht die Situationen ein, in denen ich über der Klobrille hing und meinen ungebremsten Durst verfluchte oder jene Nächte, die ich durchheulte, weil ich mich einsam fühlte und nicht auf das Leben klar kam. Ich dachte eher daran, dass man sich im Schutz der Nacht nicht nur partymäßig austoben kann, sondern, dass es Menschen gibt, die Flüchtlingsheime anzünden. „Nenn ich dich Aufgang oder Untergang?“ Rainer Maria Rilke wusste es, die positiven wie negativen Potentiale der Nacht in einer einzelnen Frage zusammen zu fassen. Denke ich an die Goldenen 1920er, so denke ich auch an die Zeit danach. Und ich stelle mir vor, wie die Menschen tanzten, während sich um sie herum die Welt veränderte. Nicht zum Guten.

 

Schon 2016 zogen Historikerinnen und Historiker im Angesicht des Aufschwungs der AFD Parallelen zum Aufstieg der NSDAP. 2017 ist Donald Trump nun Präsident, Putin immer noch an der Macht, Erdogan hebelt die türkische Demokratie aus, Syrien wird dem Boden gleichgemacht und Europa erlebt einen Rechtsruck gepaart mit einer Identitätskrise. Der Historiker Timothy Snyder schrieb für Slate im November 2016 einen Artikel über den Aufstieg Adolf Hitlers. Der Artikel war so formuliert, dass man eindeutige Parallelen zu Donald Trump ziehen konnte. Im Januar 2017 veröffentlichte DIE ZEIT wiederum einen Artikel des Historikers Volker Ullrich, in dem dieser beschreibt, wie Hitlers Aufstieg gelang, weil viele ihn unterschätzen oder die Zeichen falsch interpretierten. Wenn ich über Nachtmenschen nachdenke, dann fällt mir Goethes Anfangsvers aus der Ballade „Der Erlkönig“ ein: „Wer reitet so spät durch Nacht und Wind?“ Nehmen wir, die tanzen, die in der Blase Berlin feiern, wahr, wer da reitet und zündelt? Oder sind wir wie Biedermann, der nicht wahrhaben will, dass die Brandstifter unter uns sind? Fergie singt: „A little party never killed nobody.“  Was, wenn wir vertanzen, was draußen vor sich geht? Eine Freundin meinte zu mir, ich solle es nicht so pessimistisch sehen, ihr gehe die ständige Sorge auf die Nerven. Stefan Zweig schrieb in seinen Memoiren im amerikanischen Exil darüber, wie die meisten die Gefahr verkannten. Wir wundern uns immer wieder darüber, warum niemand das Morden der Nazis stoppte, obwohl es genügend Hinweise gab, dass Menschen im KZ verschwanden. Aber wer stoppt das Morden in Syrien? Wir wissen alle davon. Der Mensch neigt leider dazu, erst zu handeln, wenn es bereits zu spät ist. Das, was Höcke eine Schande inmitten der Hauptstadt nannte, ist ein Mahnmal dafür, wie aufmerksam wir auf radikale Strömungen achten sollten. Der AFD mit Humor zu begegnen ist gut. Man muss ihre Inhalte nicht ernst nehmen, aber ihr Potential.

 

Die demokratischen Bürgerinnen und Bürger müssen für die Idee Europas auf die Straße gehen – so wie es bereits eine Initiative in Frankfurt/Main vormacht. Die Mitte darf nicht schweigen. Wir müssen für den Humanismus eines Stefan Zweig einstehen. Wir sollten unsere Politikerinnen und Politiker ermahnen, nicht mehr von der FlüchtlingsKRISE zu sprechen, sondern von einer Aufnahmekrise, die eine der wirtschaftsstärksten Nationen der Welt nicht zu meistern weiß. Menschen fliehen vor dem Morden eines Diktators. Flucht vor Gewalt ist ein Menschenrecht. Sie fliehen vor einem Krieg, in dem sicherlich auch Waffen deutscher Firmen zum Einsatz kommen. In Russland und in der Türkei beobachten wir, wie  Autokratien entstehen. Polen und Ungarn erleben eine immense Medienzensur. Und Donald Trump ist eine Zumutung für uns alle. Aber vielleicht auch „the biggest wake-up call ever“. Lasst es uns bitte nicht dazu kommen, dass wir eines Morgens aus dem Club taumeln und sehen, dass die Welt draußen ein radikale, gewalttätige, xenophobe und autokratische geworden ist. Wir hatten bereits mehrere Stunden Null. Wacht auf, Verdammte dieser Erde...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 Soziolumne
 von Kolja Koch