Eine Erinnerung
 von Nina Rathke
 
 

Akribisch zählt sie die Haare der Katze. Alle sind sie weiß und deutlich zu erkennen auf dem Kopfkissen. Stille liegt neben ihr. Um dem Raum etwas Wärme zu geben, ahmt sie das Schnurren nach. Doch es klingt zu hart. Zu harsch. Sobald sie verstummt, denkt sie laut. Ein Kratzen könnte man hören. Eine Stecknadel. Ein Atmen. Einen Kuss. Doch niemand hört zu.

 

Tagsüber war sie nichtig. Ein menschlicher Schatten. Lebend genug das Futter darzureichen. Ein kurzes Schnuppern. Ein kurzes Miauen. Zu wenig flüssig. Auf den anderen Höhe zu wenig zärtlich. Mit Wasser gestreckt schmeckte es ihr dann doch. Gierig. Die Katze schleckte bis nur Fleisch übrig war. Gesellschaft brauchte sie nur nachts. Nur wenn es kalt genug war. Zu kalt. Abseits menschlicher Wärme kaum auszuhalten. Lena wusste das. Dann würde sie ihr näher kommen. Sie würde sich zu ihr ins Bett legen. Erst an die Füße. Später sogar direkt ins Gesicht. Ungeachtet, dass Lena nicht atmen konnte, würde die Katze sich ihren Platz zurechtrücken. Sie würde das Streicheln zulassen. Ein bestätigendes Schnurren. Ob wirklich aus Gefallen oder Wohlwollen? Wer wollte es schon wissen.

 

Zur Mittagszeit hasst Lena die Helligkeit. Kaum auszuhalten. Diesen Mittag noch mehr als sonst. Lena schützt sich mit der Bettdecke. Die Augen zugezogen. Draußen sinkt karger Schneefall.

 

Möglichst spät stand Lena bei Tag auf. Die Katze war schon weg. Nur Haare. Da, wo sie gelegen hatte. Leise Hoffnung ließ Lena warten. Doch die Katze kehrte nach dem ersten Sonnenstrahl nie zurück. Lena wurde ein Schatten.

 

Vor drei Monaten ist der letzte Nachbar auszogen. Die Renovierung steht bevor. Lena sieht keinen Grund sich damit zu befassen. Von den Weinreben, die im Sommer die Fenster bewucherten, war nur noch Staub. Der Schleier der Fenster. Keine Hochzeit. Der Tod wartet.

 

Die Katze und sie waren die einzigen Verbliebenen. Wozu auch weg. Wozu auch hier. Die Katze kam mit Elisa. Mit ihr war Lena es gewöhnt im Bett zu liegen. Sie lebte hier. Für sie musste es nicht kalt sein. Auch ohne Decke schmiegte sie sich an Lenas Gesicht. Sie atmete. Ganz nah. Lena musste weder streicheln noch Futter darreichen. Sie waren gemeinsam. Nah beieinander. Es weckte sie der Lärm der Nachbarn. Trotzdem blieben sie. Oft bis es wieder dunkel wurde. Elisa krallte manchmal ins Fleisch. Sie hinterließ Spuren. Dann liebte Lena sie ernsthaft.

 

Noch immer starrt Lena auf das Katzenhaar. Festgezogen hat es sich. Zwischen den Nähten des Kopfkissens einbetoniert. Mit verbliebener Kraft stößt sie es auf den Boden. Wozu Kopf. Wozu Kissen. Niemand will liegen.

 

Die feuchte Nase schnupperte vorsichtig an ihrem Gesicht. Wenn die Katze so neben ihr lag, stieß Lena ihr in den flauschigen Bauch. Sie pustete auf ihre Tatzen. Sie zog an den Barthaaren. Nur so viel, dass sie kratzte. Selten hatte sie Glück. Wenige Tage später war der Schorf verschwunden. Auch die Narben von Elisa waren schon verheilt. Wehmütig betrachtete Lena jeden Morgen ihre Stirn. Kahlgeschoren, damit sie die Platzwunde besser sehen konnte. Direkt am Haaransatz war die Haut damals geplatzt. In ihrer letzten Nacht hatte Elisa zugeschlagen. Fest. Ohne Mitleid. Mit viel Gefühl. Von der Liebe überrascht, war Lena zu Boden gesunken. Elisa ließ sie liegen.

 

Aus Nostalgie hat Lena die Heizung ausgestellt. Die Einsamkeit ließ sie aufstehen. Nur Lena ist übrig. Ihre Hände kalt. Einige Stunden starrt sie in Richtung Küche. Sie wartet, ein Schnurren zu hören. Ein leises Fauchen.

 

Sie lebten für den Rausch der Nacht. Sie lebten im Schwarz. Sie standen auf, wenn andere schlafen gingen. Sie kannten keinen Alltag. Sie kannten niemanden. Sie hörten nur vom Leben der Anderen. Das Nebenan. Dabei wollte Elisa der Lärm sein. Nur sie wusste warum. Während Elisa die Nacht nutzte, um sich Gehör zu verschaffen, lag Lena an ihrer Ruhe. Ein Segen wie Lena ihn empfand. Niemand fragte.

 

Langsam gleitet der Wein in ihren Rachen. In der Ecke noch das eingetrocknete Futter. Es wartet. Um sich von der Stille abzulenken, beginnt sie laut zu sprechen: „Halt die Schnauze! Lass mich einfach in Ruhe!“

 

Im Rausch der Nacht konnten beide gut vergessen. So vergaß Lena auch, dass sie zurückschlug. Bewusstlos. Der Streit war das Ende. Nicht nur ihrer Beziehung. Sie zerrte den Körper an einen Ort, an dem es noch dunkler war, als in ihrem Zuhause. Sie war sich sicher, nur einen Moment Ruhe und alles würde wieder werden.

 

„Sag doch was.“

 

Dieses Miauen. Warum hieß es Liebe, wenn es Verantwortung war. Die Katze war geblieben. Sie schien Elisa nicht zu vermissen. Sie lag. Sie fraß. Sie schnurrte. Sie fühlte sich wohl. Anfangs drängte Lena sie noch aus dem Bett. Doch bald erkannte sie die einzige Wärme.

 

Durch den Flur rauscht dunkelgrauer Winter. Laut wie ein Atmen. Mit jedem Schritt Richtung Keller wird es kälter. Wie viele Leben haben Katzen? Und warum hat der Mensch nur sich?

 

Die Nacht machte aus ihr ein furchtsames Wesen. Grausam und kalt. Die Einsamkeit ließ sie wahnsinnig werden. In ihr vertraute sie keiner Liebe. In ihr wurde selbst die eine Katze zum Raubtier. Ein Schnurren zum Lärm. Für sie gab es keine Ruhe. Denn sie war der Sturm. Alle anderen waren ihr Gefahr.

 

Mit einem leichten Lächeln betrachtet sie die Klinke. Auf dem Silber eine eingetrocknete Blutspur. In ihrem ersten Winter in diesem Haus lagen hier ihre Heizkohlen. Jeden Tag betrat sie den Keller. Die Dunkelheit hatte sie heller in Erinnerung. Die Hoffnung ließ ihre Hand beinahe Wärme fühlen. Die Gedanken überschlugen sich: Vielleicht würde sie schnurren. Vielleicht würde sie die Leere in ihrem Bett füllen. Vielleicht war es nur eine lange Nacht.

 

 

 

 

Nina Rathke

 

Redakteurin bei kraftausdruck

für diese Ausgabe: Depressionen sind keine Einsamkeit.