Jan: Was sagen Sie? Nee, der fährt nich' auf meinem Länderticket mit .

 

Jimmy: Dochdoch, tu' ich! Er hat's nur vergessen, is' grad kurz eingenickt. (flüstert zu Jan:) Spiel mit!

 

Jan: (flüstert zurück:) Was? Hm. Hast du wirklich keins?

 

(Die Zugbegleitung hat außerordentlich wenig Lust, sich noch weiter in diesem Abteil aufzuhalten. Sie bekommt schon Gänsehaut vor Ekel. Widerwärtig.)

 

Jimmy: Nein, Mann. Die Reise durch's eigene Land sollte die Menschheit nichts kosten. Oder zumindest nicht so viel. Bahnfahren is' zum Wucher geworden. Meine Meinung.

 

(Jimmy besitzt eine BahnCard 100. Jimmy liebt es, die Menschen zu testen.)

 

Jan: Oh Jimmy! Na gut, kannst bei mir mitfahren. Ist mir egal, ich steig' ja eh gleich aus.

 

(Jan hatte sich geschworen, dass das nicht passiert. Jeder muss ein Ticket haben – und er hat seines schließlich auch bezahlt. Finanziell sieht es bei Jan nicht so gut aus, aber für die paar Stationen kann er auf seinem Länderticket mitfahren, was solls.)

 

Jimmy: (Zur Zugbegleitung) Ha'm Se gehört? Wir zwei, ein Ticket. Und jetzt Schüss!

(Zugbegleitung geht.)

 

(Endlich.)

 

Jimmy: Du kannst ja doch auf Deine Umwelt achten und nich' nur den vorletzten Harry-Potter-Band zum fünften Mal lesen. Ich glaub', so langsam weißt Du, was ich mit Freundschaft mein'!

 

(Jimmy glaubt, er habe seinem Gesprächspartner eine Lektion erteilt. Einen kurzen Moment ist er stolz. Wie ein Vater.)

 

Jan: Ja, wenn du meinst. Gut. So ein Gespräch hab ich auch noch nie erlebt .

 

(Jan ist ein bisschen beleidigt. Bei gefühlter Bevormundung wird er zickig... ist aber trotzdem zufrieden. Das Helfen hat sich gut angefühlt.)

 

Jimmy: Das mein' ich doch! Weißt Du denn überhaupt noch, wie ein Gespräch eigentlich aussieht?

Wann hast Du das letzte Mal in einem Gespräch eine interessante Information bekommen? Weißte bestimmt auch nich'. Das liegt daran, dass die Menschen alle nur noch Ichlinge sind. Ichlinge umringt von Ichlingen. Nix mehr mit dem guten alten Netzwerken. Da hilft auch Facebook nix, alle gucken ja nur noch, wer guckt, aber niemand mehr, wer auch noch hört, verstehste?

 

(Der Alkohol ist in Jimmys Kopf angelangt. Er hört sich selbst nicht mehr zu, aber er merkt, dass er zufriedener wird. Das reicht ihm meistens schon.)

 

Jan: Das ist wohl deine Meinung. Ich versteh nur Bahnhof.

 

(Jan hat schlicht und einfach nicht zugehört. Die aufgezwungene Aufmerksamkeit strengt an und macht Kopfschmerzen.)

 

(Ding-Ding-Ding, eine Zugstimme sagt den Zielbahnhof an)

 

Jimmy: Ouh Mann... Haste vielleicht Bock noch 'n Stück weiter mitzufahren? Also ich mein' in 'nem andren Zug. Vielleicht sind wir noch lange nich' am Ziel angekommen! Du kannst ja nich' wirklich denken, dass du auf dieses Kaff hier wirklich Bock hast. Also ich mein', da is' doch noch viel mehr zu sehen. Und vielleicht gibt es ja noch 'n paar Sachen, die ich von dir lernen kann! Jan und Jimmy. Das klingt doch schon nach 'nem Team, verstehste?

 

(Jimmy ist überglücklich, dass ihm der Name seines Gesprächspartners wieder eingefallen ist. Und da er gerade im Redefluss ist, will er diesen eigentlich auch nicht gehen lassen.)

 

Jan: Ich kann nicht, mein Freund holt mich vom Bahnhof ab.

 

(Jan ist schon überrascht, dass dieser spontane Kontakt Spaß macht. 'Team' findet er zwar übertrieben, aber was soll’s. Es lässt sich eh nichts daran ändern. Sein Freund wird ihn abholen. Leider läuft es in der Beziehung nicht wirklich gut, vielleicht werden sie sich trennen. Er kann ihn nicht versetzen.)

 

Jimmy: Freundschmeund. Wenn er dein Freund is', kann er auch warten. Der wird doch auch wollen, dass du viel von der Welt siehst. Und du kannst nur sehen, wenn Du die Gelegenheiten zum Dichumsehen nutzt!

 

(Jimmy glaubt er muss am Ball bleiben, denn er hat Recht. Jimmy glaubt, dass Jan dies nur noch nicht erkannt hat.)

 

Jan: Jimmy, du verstehst das nicht. Wir werden heiraten.

 

(Jan kann hier einfach nicht die Wahrheit sagen. Er wird melodramatisch. Das wird er oft, wenn er nicht weiß, wie er sich entscheiden soll.)

 

Jimmy: Achgottachgott. Also willst du dir am Punkt der absoluten Entscheidung zwischen Freiheit und Gefangenschaft selbst die Handschellen anlegen? Warum seid ihr nur alle so...

 

(Jimmy wird ein wenig melancholisch. Er denkt an seine Exfreundin, dann wieder an die

Sammlung. Er merkt, dass die Hektik in ihm wieder steigt. Er braucht dringend einen Whisky.)

 

Jan: Gefangenschaft? das hab ich mir selbst ausgesucht. Musste ja nich' verstehen.

 

(Jan ist Beziehungstyp. Wie kann der denn von Gefangenschaft sprechen? War der überhaupt schon mit einer Frau oder einem Mann zusammen?)

 

Jimmy: Du verstehst MICH nich'! Du hast dich nich' genug umgeguckt, sonst würdest du mehr lächeln. Du hast nich' mal gelächelt als du von deiner Hochzeit erzählt hast. Weißt du überhaupt, was du willst?

 

(Jimmy weiß es nicht.)

 

Jan: Ja! Und dafür muss ich mich jawohl nicht rechtfertigen!

 

(Jan fragt sich, wer das schon wisse.)

 

Jimmy: Für das Fehlen des Lächelns? Nein, das musst Du nich'. (schmunzelt)

 

(Jimmys Schmunzeln ist eine Lüge.)

 

Jan: ERNSTHAFT? DAS LASS ICH MIR NICHT LÄNGER GEFALLEN! (Jan nimmt seine Tasche und geht)

 

(Er kann doch nicht für sich beanspruchen, als einziger den richtigen Weg gefunden zu haben?! Zum Glück musste Jan eh zur Tür gehen, ansonsten hätte das in Tränen enden können. Er war kurz davor.)

 

Jimmy: (Jimmy guckt in den Mülleimer und nimmt eine Dose heraus.) Becks. Überall die selbe Scheißdose.

 

(Das erste Mal hat Jimmy vollkommen Recht.)

 

 

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- mit Gedanken von beiden | Fortsetzung 
Text von vom fame enttäuscht | Gastbeitrag 

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