Jimmy: Tach! Haben Se vielleicht 'ne Pfandflasche über? Ich sammel' die nämlich.

 

(Jimmy hat ein Kunstprojekt. Seit 1998 ist er auf der Suche nach diversen Pfand- und Einwegflaschen. Sein Ziel ist es, die Sammlung zu vervollständigen. Er hat dafür bisher vier Werkshallen angemietet, um die Flaschen unterzustellen. Jimmys Projekt hat ihn in den letzten Jahren nahezu in den Wahnsinn getrieben. Er selbst hat das noch nicht erkannt.)

 

Jan: Ähm, wie bitte?

 

(Jan ist eher schüchterner Natur, und kann schlecht mit Menschen umgehen, die er nicht kennt. Beim Zugfahren ist er deshalb lieber für sich und liest oder hört Musik.)

 

Jimmy: 'ne Pfandflasche. Ich sammel' die. Hab' heut schon acht verschiedene bekommen.

 

(Jimmy hat einen großen Drang, sich über sein Projekt mitzuteilen. Er hofft, dass die Menschen Interesse bekunden und Fragen stellen. Selten passiert dies.)

 

Jan: Pfff. Na herzlichen Glückwunsch. Auf Prosecco gibt's keinen Pfand. Gibt's ja nich'... Und wenn es Sie nicht stört, würd' ich gern weiter lesen.

 

(Diese Bettler, vor allem in den Innenstädten, kann Jan nicht ausstehen. Die können doch arbeiten oder Hartz4 beziehen – Hauptsache ist jedenfalls, dass sie bitte nicht das Stadtbild entstellen oder frech jemanden von der Seite anschnorren.)

 

Jimmy: Prosecco-Flaschen bringen mir nichts. Die Sammlung hab ich 2009 schon vervollständigt, da kann ich nur noch ungefähr zwei neue im Jahr ergattern. Gerade mach' ich Bierdosen, das is' verdammt interessant. Schwierigkeit Nummer eins: Regional gibt's da massig verschiedene. Nummer zwei: Dosen sind ja im Allgemeinen nich' mehr viele im Umlauf, deswegen frag' ich ja auch gleich nach Flaschen, obwohl die mir eigentlich nix bringen, aber wenn die dann ja sagen, kann man ja auch gleich weiter quatschen. Und wenn man sich dann wieder trifft, hat der vielleicht dran gedacht, 'ne Dose zu kaufen und dann hab ich wieder Glück, versteh'n Se? Und drittens gibt ja wiesowieso kaum einer gern was her. Heute sind ja alle so geizig. Egal ob's nur 'ne Kippe is' oder sowas. Wissen Se, was ich mein'?

 

(Auf die Bierdosen hat Jimmys Exfreundin ihn gebracht. Nachdem sie ihn verlassen hatte, begann er, sich einen Zugfahrplan über anderthalb Jahre zu erstellen, um Dosen an möglichst verschiedenen Orten zu suchen. Zu Hause war ja niemand mehr, der auf ihn wartet. Und in seiner Heimat hatte er auch schnell alle Dosen zusammen.)

 

Jan: Also... das... solche wie Sie kenn ich! Kassieren, kassieren, kassieren. Kriegen Sie auch Hartz4? Bestimmt. Ich hab noch nie was geschenkt bekommen. Ich bin mit 16 zu Hause ausgezogen! Wie wär's 'mal mit Arbeiten? Das kann helfen hab ich gehört. Ha'm Sie überhaupt 'n Ticket? Oder soll ich das auch noch springen lassen? Also ehrlich... (flüstert: Bestimmt sogar AfD-Wähler.) Machen das alle so, da wo Sie herkommen?

 

(Nach dem Anschnorren passiert nun auch noch das: purer Schwachsinn, denkt sich Jan. Für so eine lächerliche Geschichte gibt es für ihn nur die Erklärung: bei Jimmy sind eine Menge Gehirnzellen Opfer des Alkoholismus geworden.)

 

Jimmy: Neenee! Sie ha'm das alles falsch verstanden! Ich bin Sammler, ich geb' die Dinger auch nich' ab, die stehen alle in mei'm Atelier. Wissen Se, ander samm- Ach, ich setz mich ma', stört Se ja nich', oder?

 

(Jimmy hatte nie Geldprobleme. Papa ist Börsenmakler, Mutti besitzt eine Hotelkette. Jimmy ist Einzelkind.)

 

Jan: (murmelt: Das darf doch nich wahr sein...) Ist das ihr Ernst? Sie sammeln die? Die meisten aus ihrer Sammlung haben Sie aber bestimmt selbst geleert, oder was? Bei mir kommt sowas in den Müll, das heißt, das meiste trink ich sowieso beim Feiern. Zusammen mit Freunden.

 

(Jan kann es nicht verstehen. Die Geschichte spinnt sich weiter und dabei wird es nicht grade wahrscheinlicher dass Jimmy wirklich ein Atelier besitzt. Er kann nicht wirklich viel unter Leuten sein, soviel steht für Jan fest.)

 

Jimmy: Freunde. Das is' auch so'n Wort! Wo fängt denn bitte Freundschaft an? Da kennt doch niemand 'ne Grenze. Isses schon der Typ, mit dem man jeden dritten Tag an der Bar sitzt oder muss man sich gezwungenermaßen fünfundzwanzigtausendmillionen Jahre kennen? Weiß ich nich'. Ein Freund is' für mich jemand, der zuhören kann. So sieht's aus. Freunde sind überall, versteh'n Se? Man muss immer nur ein offenes Ohr und Interesse an anderer Leute Leben haben. So sieht's nämlich aus.

 

(Jimmy hat seinen besten Freund vor vier Jahren verloren. Heute redet er eigentlich nur noch mit Fremden Menschen. Jimmy hat riesige Verlustängste.)

 

Jan: Also wenn Sie Freunde hätten, müssten sie wohl nich' Wildfremde im Zug vollquatschen. Das will doch keiner hören. Mit jedem Dahergelaufenen gebe ich mich bestimmt nicht ab - man muss sich schon zusammen sehen lassen können. Letztens quatscht mich auch so einer auf der Straße an. "Hab dich letztens da und da gesehen... nett unterhalten... bla bla bla." Also das ging gar nich'. Meine Freunde such' ich mir immer noch selber aus.

 

(Jan hat nicht viele Freunde. Seine beste Freundin Anne ist ihm wichtig, aber meistens kommt er nicht darüber hinaus, sich auch mit anderen zu unterhalten. Selbstbewusstsein ist da Mangelware – er will so auf Leute wirken, wie er sich selbst sehen würde, er hat Angst missverstanden zu werden.)

 

Jimmy: Aber was kann man sich denn heute noch aussuchen? Es wird einem ja alles diktiert! Hier Geld verdienen, da Steuern zahlen. Selbst das Fernsehen oktruiert einem ja auf, dass man vormittags nur Lust auf Realitäten haben soll, die nur geschauspielert werden. Und dann nich' mal gut. Im Prinzip werden wir doch in Handschellen durch die Welt geführt. So sieht's nämlich aus.

 

(Jimmy hat seit Jahren kein en Fernseher mehr angeschaltet. Er hört viel bei den Gesprächen anderer Leute zu. Für seine Gespräche mit fremden Menschen braucht er alltagstaugliche Themen, und da in seinem Kopf in erster Linie seine Sammlung Raum hat, klaubt er sich Gespräche von anderen zusammen. Jimmy denkt, er fährt damit gut.)

 

Jan: Ah, da haben Sie aber schön die Schlagzeilen der Bild-Zeitung auswendig gelernt. Man muss sich nur auseinandersetzen. Und für etwas einstehen. Ich lese regelmäßig die Zeit, da wird wenigstens die Wahrheit berichtet. Und das Magazin. Hervorragende Fotos, tolles Œuvre. Die Kolumne von Moritz von Uslar beispielsweise... Aber da brauch ich Ihnen wohl nichts von erzählen. Meine Eltern haben das auch nie verstanden... Genau dasselbe. Seit Jahren CDU-Wähler. Da braucht man sich doch nicht wundern! Provinziell hoch zehn. So verändert sich bestimmt nichts... " Hauptsache es bleibt, wie es ist, so ist es doch gut...”

 

(Jan würde gerne Dinge verändern. Allerdings haben Accecoires wie „Die Zeit“ einen Wert, der bei anderen Leuten gut anzukommen scheint. Und wenn jemand fragt, was verändert werden soll... Naja, also das ist nicht so einfach.)

 

Jimmy: Hundert Fragen kann ich Dir auch stellen. - Ich darf doch Du sagen, oder? Ich bin der Jimmy, weil ich den so gerne trinke. Aber nur nach 17 Uhr, vorher find ich das irgendwie asozial.

 

(reicht die Hand hin)

 

(Jimmy trinkt seit 15 Jahren täglich Whisky. Gerne auch vor 17 Uhr.)

 

Jan: Jimmy! Was ist das denn für'n Name? Nach 17 Uhr, ist vor 17 Uhr für dich, ne?

(nimmt die halbe Hand und schüttelt ein wenig) Ich bin Jan.

 

(Nach 17 Uhr Jimmy... Und vorher Jack, oder wie? Den Namen kann Jan ihm nicht abnehmen. Ebensowenig die Trinkzeit dieses merkwürdigen Mannes. Was ist das bloß für ein Mensch. Wer hört dem denn sonst so zu?)

 

Jimmy: Jan? Is' das 'ne Abkürzung für irgendwas? Ich hasse Abkürzungen. Warum können die Leute nich' mehr 'Mit freundlichem Gruß' schreiben? MfG... So'n Blödsinn! Ich würd gern wissen, wer sich das hat einfallen lassen. UAWG!

 

(Jimmy hat sich noch nie Gedanken über Abkürzungen gemacht. Manchmal redet er nur, um seine eigene Stimme zu hören. Dann weiß er, dass er noch da ist.)

 

Jan: OMG. Das ist halt eine Kultur , von der du nix verstehst, "Jimmy”. Bist bestimmt noch nicht mal bei Facebook... Aber SMS verstehst du noch, oder was?

 

(OMG, etc. sind natürlich plakativ, aber in gewisser Weise schon mit jungen Menschen wie Jan verbunden. Er denkt sich aber auch, wieso benutze ich diese Worte manchmal? Die Coolness der anderen steht da über ihm.)

 

Jimmy: Es geht ja nicht um's Verstehen, verstehste? Es geht darum, dass es allen zu kompliziert is', um sich Mühe zu geben. Ich hab mich auch durch die Anleitung von meim Macbook gequält, aber da wird nix abgekürzt und jetzt bin ich wahrscheinlich appleversierter als die Heinis in den Shops. Wer abkürzt, denkt, er hat keine Zeit. Und wenn wir irgendwas haben, dann doch Zeit, verstehste? Guck ma: Dein Buch kannste ja auch lesen. Dann haste auch eigentlich Zeit 'Mit freundlichem Gruß' zu schreiben. Meine Meinung. Aber egal.

 

(Jimmy hat seit Jahren kein Buch gelesen. Seine Sammlung lenkt ihn vor dem Ende jedes Absatzes ab, sodass er vergisst, was er eigentlich gerade gelesen hat. Sein letztes Buch war 'Die kleine Raupe Nimmersatt'. Er kam bis zu den Pflaumen, hat aber wieder vergessen, an welchem Tag sie die gegessen hat.)

 

Jan: Da werd ich dir mal was erzähen! In einer halben Stunde (guckt auf die Uhr), Gott, is das wirklich noch so lang, holt mich mein Freund vom Bahnhof ab. Und dann gehn wir gemütlich shoppen, treffen uns mit seiner Cousine und trinken einen Cappuccino. Dann ist ja auch schon Abend. Wir wollen was kochen, es kommen noch Freunde zu Besuch. Und davor noch einkaufen... Zeit? Zeit ist relativ, und wenn's mir hilft kürze ich so viel ab, wie ich will. Man wird ja schließlich verstanden. Wie soll ich denn sonst bitte alles unter einen Hut kriegen? Klar, wenn Leute Zeit haben - bitte schön. Ich weiß ja, wofür ich's mache.

 

(Jan ist manchmal der Hase aus Alice im Wunderland. “Ich hab keine Zeit” wurde in den letzten Jahren zu einem Standardsatz. Eigentlich gefällt es ihm, geschäftig zu wirken, aber wenn er abends nicht von den Gedanken des Tages loskommt, merkt er, dass irgendwas schief läuft. Um etwas zu ändern, fehlte ihm jedoch bisher die Einsicht.)

 

Jimmy: Ach Mann. Shoppen, Kochen, Cappuchinjo. Das klingt, als hättest Du 'nen Lifestylecoach, der dir beibringt, wie Du hip bist. Die Umwelt musst du erforschen! Was machen die Menschen um dich 'rum? Warum sind alle so grimmig? Gibt es überhaupt noch glückliche Menschen? Nur wer aufmerksam seine Menschen beobachtet, weiß, was wirklich wichtig is'. Oder eher: wichtig sein könnte. Meine Meinung, verstehste?

 

(Jimmy hat zu diesem Zeitpunkt längst vergessen, wie sein Gegenüber überhaupt heißt.)

 

Jan: Lifestylecoach? Ich lebe mein Leben halt, wie ICH das möchte. Und in der Szene bin ich damit ganz gut unterwegs. Wenn du schon aufgegeben hast, etwas aus dir zu machen, dann bitteschön. Ich habe noch Träume. Sammel' du mal weiter Flaschen.

 

(Sein Coming-Out hat Jan immer noch nicht ganz überwunden, weil die Beziehung zu seinen Eltern seitdem nicht mehr so einfach ist. Er muss sich selbst gefallen, damit er zufrieden ist – ein hoher Lebensstandard passt da in sein Bild eines erfüllten jungen Lebens.)

 

Jimmy: Ich bin in meiner Szene auch ganz gut unterwegs, aber das häng' ich halt nich' an die große Glocke. Und wenn Du wüsstest. Meine Flaschensammlerei hat mich erst zu einer Größe der Szene gemacht! Aber darum geht's ja nich'. Ich versteh' nur nich', warum ihr jungen Leute immer mit so einem widerlichen Abstand auf fremde Leute zugeht. Vielleicht kannste ja noch was von Leuten wie mir lernen, verstehste?

 

(Eigentlich wäre Jimmy gern Vater. Er hat Spaß daran, Menschen zu belehren. Jimmy hat aufgehört sich selbst zu reflektieren, aber glaubt, dass der Fehler immer bei den anderen liegt.)

 

Jan: Deine Meinung? Ja, wenn ich von Leuten wie dir was lernen will, kann ich mich auch morgens vor'n Aldi setzen. Ich kenn Leute wie dich, es gibt genug da, wo ich herkomme .

 

(... Und jetzt will der ihm erzählen, was Jan in seinem Leben besser machen kann?)

 

Jimmy: Was bin ich denn in deinen Augen für einer? Ich weiß nich', wann ich das letzte Mal einen Aldi von außen, geschweigedenn von innen gesehen hab. Aber anscheinend pass' ich da ja ganz gut hin. Vielleicht sollt' ich da mal wieder vorbeigucken. Jüngelchen, mich kennste nich'. Aber schade, dass Du nich' mal 'ne Dose dabei hast.

 

(In diesem Moment fällt Jimmy der Grund wieder ein, warum er dieses Gespräch überhaupt führt. Sein Projekt übermannt erneut seine Gedanken. Er wird hektisch, kann sich aber nicht erklären, wieso.)

 

Jan: Aha. Ok, du hörtst ja eh nich' zu.

 

(Jan macht das Gespräch müde. Eigentlich will er das Wochenende planen.. Aber trotzdem: Was hat der Typ mit seiner Flaschensammlung?!)

 

Jimmy: Ich hör nich' zu? Also ich glaub- (Fahrscheinkontrolle)

 

(Die Zugbegleitung hat schon lange keine Lust mehr auf ihren Job. Aber auf jeden Fall besser als Toiletten putzen. Und jetzt die Krönung des Tages: 'ne Schwuchtel und 'n Penner in einem Abteil. Da haben sich zwei gefunden. Sobald sie aus dem Abteil 'raus ist, geht der Schweinkram bestimmt gleich wieder los. Kotzen könnte sie. Sie hofft, dass keiner der beiden ansteckende Krankheiten hat. Die gehören bestimmt zusammen. Besser so. Zwei Perverse vom Markt.)

 

 

Redest du mit mir
- mit Gedanken von beiden 
Text von vom fame enttäuscht | Gastbeitrag 

abhängigkeit.