Ich sehe dich.

Endlich.

So wie du bist. Nicht das, was du gern wärst. Oder zu sein behauptest.

Ich wandere durch dein Leben. Ich lasse mich nieder. Auf deinem Sofa.

Ich stelle mir vor, wie du hier sitzt, auf diesem Platz. Wie du liest, fernsiehst. Über mich nachdenkst.

Ich stelle mir vor, wie ich aus der Küche nach dir rufe. Du siehst auf und drehst dich nach mir um. Reagierst auf mich.

Ich ziehe weiter. An dir vorbei. An Bildern, Versionen von dir, die du stolz ausstellst. Auch ich erinnere mich gern. Hier waren wir auf Malta. Da in Barcelona. Einige müssen neu sein.

Auf keinem der Fotos bin ich zu sehen. Wir waren noch nicht so weit. Du warst es nicht. Aber ich sehe es dir nach.

Ich denke, ich kenne dich besser als viele andere. Ich bin ein guter Beobachter. Während unserer Gespräche habe meistens ich geredet und du hast zugehört. Ich habe dir alles über mich erzählt und du mir in gewisser Weise auch über dich. Deine Augen haben Bände gesprochen, mir die Signale gegeben, die du nicht laut aussprechen konntest. Aber ich habe sie verstanden. Und keiner hat mich verstanden wie du.

So haben wir uns lieben gelernt.

Ich stehe im Mittelpunkt. Des Raums. Alles riecht nach dir. Ich will ein Teil davon werden, will im Teppich verschwinden, auf den du deine Füße setzt oder das Glas sein, aus dem du trinkst. Alles könnte ich für dich sein, besser, verlässlicher als andere.

Ich sehe dich. Deine Schwäche, in erster Linie. Deine Menschlichkeit, die du immer so krampfhaft zu verbergen versuchst. Auch du hast Angst und Träume und Unordnung im Kühlschrank. Auch du bist oft einsam. Arbeitest zu viel und lebst zu wenig.

Als du sagtest, wir könnten uns nicht mehr sehen …

Ich denke nicht gern daran. Man wird dich unter Druck gesetzt haben. Es gibt egoistische Menschen, Ich, Ich, Ich-Menschen. Sie sehen nicht, was du willst, was gut für dich ist. Sie saugen dich aus und wenn du nichts mehr zu geben hast, lassen sie dich liegen und ziehen weiter.  Aber ich habe so viel zu geben.

Jetzt ist es auch bald soweit. Ich bin aufgeregt. Ich stelle mir dein Gesicht vor, wie es erst erstarrt vor Überraschung, wenn du mich hier sitzen siehst. Viel zu lange ist es her. Nach deinem Umzug musste ich dich erst wiederfinden, du hattest viel Stress, sonst hättest du dich sicher gemeldet. Doch jetzt will ich aus dem Schatten treten, keine Minute mehr ohne dich sein. Und diesmal gehe ich hart mit denjenigen ins Gericht, die sich uns in den Weg stellen wollen. Du wirst sehen. Ich werde dich überzeugen, falls du Zweifel hast.

Ich erwarte dich. Letztendlich. Also doch.

 

Ins Herz geschlossen - (Augen)Blicke 
Text von DieKett | Kurzprosa | Bild von Nina OderDoch

abhängigkeit.